Arbeiten wie im Mittelalter


Bei Meßkirch in Oberschwaben verändert ein einmaliges Projekt eine ganze Gegend. Begeisterte Mittelalterfans errichten eine Stadt samt Kathedrale — ohne moderne Baugeräte, nur mit den Methoden des Mittelalters. Ganz ohne Neuzeit geht es aber nicht: Das Projekt erhält anfangs staatliche Zuschüsse.


E s ist wie in einer anderen Welt, auch wenn der Besucher erst mal nur durch den Wald spaziert. Vom Parkplatz ist es ein kurzes Stück an den Ort des Geschehens. Aber mitten in der sprichwörtlichen Pampa, in der strukturschwachen Gegend rund 30 Kilometer nördlich des Bodensees, hört der Interessierte dann nicht nur das Hämmern des Spechts und das Rauschen der Bäume, sondern auch die ungewohnten Geräusche einer Mittelalterbaustelle. Mitten in der Natur bei Meßkirch bewegt sich etwas.

Zuerst schallt der regelmäßige dumpfe Schlag einer Axt auf Holz, mit der ein Zimmermann große dicke Baumstämme bearbeitet, herüber. Allein mit seiner Muskelkraft bringt er Balken in Form. Angekommen auf einem großen Platz im Zentrum, kommt der schnellere und hellere Ton eines Klopfholzes, der auf das Schlagende eines Meißels trifft, hinzu. Ein Kollege schafft am Ende Kerben, um die Streben später zu Dachkonstruktionen zu verbinden. Ein breiter Rundpfad führt den Interessierten von einer Bauhütte zur nächsten. Das ziehend-schleifende Geräusch der fußbetriebenen Drexelmaschine dringt aus einer Hütte. Je näher der Besucher kommt, desto mehr entdeckt er Neues auch mit den Augen. Alle Arbeiter tragen typische Gewänder der damaligen Zeit.

Wir befinden uns auf dem Rundweg des „Campus Galli“, einem einzigartigen Klosterbauprojekt in Süddeutschland. Auf dem Weg durch die Baustelle kann jeder Besucher jeden Mitarbeiter ansprechen und direkt fragen, wenn ihn etwas interessiert. Am Wegesrand stehen die Hütten der unterschiedlichen mittelalterlichen Gewerke, in denen die Arbeiter fleißig an der Verwirklichung ihres Traumes arbeiten: Eine vollständige Klosterstadt samt Kathedrale zu errichten — allein mit den Werkzeugen und nach den Baumethoden des Mittelalters.

Nach einem ungenutzten Klosterplan aus der Schweiz

Täglich acht Stunden arbeiten 25 Angestellte und bis zu 15 freiwillige Helfer des Trägervereins Karolingische Klosterstadt e.V. auf dem Gelände, um den Traum von einem historisch korrekten Klosterbau zu verwirklichen. Als Bauplan dient ein Papyrus aus dem Kloster Sankt Gallen. Auf der Insel Reichenau im Bodensee zeichneten Mönche im 9. Jahrhundert eine „ideale Klosterstadt“ mit rund 50 Gebäuden. Der Sankt Galler Klosterplan wurde aber bislang nur in Ansätzen umgesetzt, nie an einem Ort vollendet. Er ist die weltweit einzige Bauzeichnung einer mittelalterlichen Stadt, welche vollständig erhalten ist. Nun, 1200 Jahre später, setzen die Initiatoren bei Meßkirch das Pergament in die Tat um. Entstehen soll auf dem 14 Hektar großen Waldstück eine große Klosterkirche und rundherum eine originalgetreue Mittelalterstadt. Der Bau hat den Anspruch, nur Techniken der Karolingerzeit einzusetzen.

Zu dem Gelände gehören auch elf Hektar Ackerfläche, auf denen typische Gemüsesorten dieser Zeit wachsen: Kohl, Ackerbohnen und Mangold. Der eigene Gemüsegarten versorgt die Mannschaft mit einem kräftigenden selbstgekochten Mittagessen. Später wollen die Betreiber des Projekts zudem eigene Vorräte anlegen. Zur Versorgung der Touristen gibt es Stände, an denen etwa Dinnete, eine Art Fladenbrot mit Zwiebeln und Speck sowie weitere Speisen und Getränke angeboten werden.

Für den Bau der Kirche und der mittelalterlichen Häuser verwenden die Arbeiter ausschließlich Lehm, Steine und Holz der Umgebung. Alles Nötige erstellen Steinmetze, Spinnerinnen oder Schmiede direkt auf dem Gelände. Für schwere Transporte erbauten die Handwerker zu Projektbeginn im Jahr 2013 zuerst einen Ochsenkarren.

Baugeräusche, ungewohnte Eindrücke: eine entschleunigende Zeitreise

Auch Tiere gehören zum Bild vor Ort. Schafe liefern Wolle, die Helfer mit Handspindeln zu Fäden verarbeiten. Man begegnet grunzenden Schweinen und freilaufenden Hühnern, ganz so, wie man sich das aus dem Mittelalter vorstellt — nur sauberer. Niemand hier verzichtet vollständig auf die Standards des 21. Jahrhunderts: Bei der Zubereitung von Mahlzeiten auf dem Gelände müssen die Köche die Hygienevorschriften beachten und auch sonst umweht das Gelände die angenehme Reinlichkeit unserer Tage. Und alle Mitarbeiter haben ein Zuhause, in das sie nach Feierabend zurückkehren. Aber sie bewegen sich täglich zwischen den Welten. Vor Arbeitsbeginn legen sie in einer Hütte Handy, Schlüssel und sonstigen Schnickschnack unserer Zeit ab und tauschen ihre moderne Kleidung gegen Wollumhänge, Holzschmuck und die Sicherheitsschuhe des 9. Jahrhunderts: Holzpantinen und dazu dicke Lederriemen um die Schienbeine.

Besucher, die sich Zeit für den Rundweg lassen, erleben eine Welt, die es so kein zweites Mal gibt. In der einen Hütte spinnen Wollfrauen ihre Fäden. Die Seilmacher flechten Bastfäden zu neuen Schnüren für allerlei Gebrauch. An der nächsten Hütte haut der Schindelmacher mittelalterliche Dachziegel von dicken Baumklötzen. Der Töpfer dreht nebenan das Rad per Hand oder mit einem Schwingstock, um sein Rohmaterial zu rotieren. Im Kräutergarten gedeihen ungespritzte Köstlichkeiten. Beim Spaziergang sieht der Besucher Handwerkstechniken, die sonst nicht mehr zu beobachten sind. Und vor allem: Alles dreht sich um die Arbeit im Hier und Jetzt. Nichts lenkt ab oder ist wichtiger. Bedeutend ist, was der Mittelalterarbeiter mit den eigenen Händen und der eigenen Kraft gerade bewegt oder erstellt. Nichts läuft automatisch, mit Benzin oder Strom.

Es geht mit mittelalterlicher Langsamkeit voran. Etwa 40 Jahre wird es daher dauern bis der Plan vollständig verwirklicht sein wird. Einige Helfer und der Initiator Bert Guerten werden den Abschluss des Projekts wohl nicht mehr selbst erleben. Was zu Zeiten des Mittelalters üblich war, ist heute eher befremdlich.

So bringt die ganze Atmosphäre dem Besucher aber eine gehörige Auszeit vom Trubel unserer heutigen Zeit. Langfristig finanzieren soll sich das Projekt von den Eintrittsgeldern der Besucher. Seminare für gestresste Manager und Bildungskurse für Alt und Jung will der Trägerverein ebenfalls anbieten, um Gelder zu sammeln.

Menschen, die anpacken, um eine Region zu verändern

Die sonst ein wenig verschlafene, ruhige, sehr ländliche Gegend hat durch den Bau eine Attraktion mehr. Und erzwingt von den Verantwortlichen einen Spagat, der nicht einfach ist. Auf der einen Seite hat das Projekt durchaus wissenschaftliche Züge: Nie in der Moderne versuchten Enthusiasten eine ganze Mittelalterstadt plus Steinkirche nach den Methoden des Mittelalters zu errichten. Dabei diskutieren Archäologen schon lange, wie all diese Methoden überhaupt aussahen. Aus der Periode von vor 1200 Jahren haben, anders als etwa aus dem Hochmittelalter, nur wenige Schriften die Zeit überdauert. Das meiste Wissen, das heute aus dieser Zeit existiert, rührt von Ausgrabungen. Dort finden Wissenschaftler aber nur Gegenstände, welche die Jahrhunderte in der Erde überdauert haben. Genaue Details bleiben wegen der spärlichen Quellenlage bis heute oft im Dunkeln.

Das Projekt in Meßkirch wird daher von einem wissenschaftlichen Beirat aus 14 Historikern, Architekten und Archäologen aus ganz Europa begleitet. Sie sollen sowohl die Handwerker beraten, als auch aus deren Erfahrungen lernen und neue Erkenntnisse gewinnen. Das Experiment verspricht einen seltenen Einblick in das Alltagsleben vergangener Jahrhunderte, wie die Menschen damals ihre Häuser bauten, ihr Essen zubereiteten oder ihre Kleidung anfertigten. Die Zeit, die das Projekt „Karolingische Klosterstadt“ nachbilden soll, ist sowohl für Besucher als auch für Forscher interessant.

Nicht alle Arbeitsweisen sind erhalten geblieben

Aus der Ritterzeit sind sehr viel mehr direkte Quellen verfügbar. Dennoch versucht man auf dem Campus Galli möglichst originalgetreu zu arbeiten. „Wir machen auch ein wenig experimentelle Archäologie“, sagt der Initiator des Projekts, Bert Guerten. Eine exakte Umsetzung ist heutzutage nicht mehr möglich. Und Arbeitsschutzmaßnahmen müssen die mittelalterlichen Bauherren genauso einhalten wie auf jeder modernen Baustelle. So tragen die Steinmetze Schutzbrillen und die Arbeiter an Gebäuden die bekannten gelben Bauhelme. Deren Signalfarbe ist allerdings mit Stroh verdeckt und daher kaum wahrnehmbar.

Aber auch die damaligen Werkzeuge, Vorrichtungen und Vorgehensweisen sind auf der Baustelle immer wieder eine Herausforderung und Quelle neuer Erkenntnis. So weiß man zwar, dass die Maurer des Mittelalters Rundkellen verwendeten, also Kellen, deren Fläche und Spitze rund zusammengeformt statt flach sind. Bei ersten Versuchen in der letzten Saison merkten die Bauarbeiter aber, dass diese Kelle im Baualltag zunächst nur schwer zu gebrauchen war — bis nach einigen Versuchen klar war, dass die Menschen diese Kellen früher anders in der Hand hielten als unsere modernen Flachkellen. Mit der geänderten Handhaltung ließ sich der Mörtel viel besser zwischen den behauenen Steinen verteilen.

Auf dem Campus Galli bestreiten die Handwerker noch weitere Herausforderungen. So denken sie beispielsweise derzeit darüber nach, wie eine Hebevorrichtung mit Seilzug für schwere Bauteile der Kirche ausgesehen haben mag. Da der mittelalterliche Baukran aus Holz bestand, ist er in Ausgrabungen verrottet und nicht voll rekonstruierbar. Wie dieser auf Großbaustellen des Mittelalters am ehesten ausgesehen haben könnte, werden die Bauherren und Arbeiter auf der Baustelle in diesem Frühjahr und Sommer testen. In Meßkirch ergibt sich durch die Größe des Vorhabens manche Forschungsmöglichkeit — auch wenn die zunehmend touristische Ausrichtung von manchen Forschern skeptisch gesehen wird.

Diese Saison sind die Holzkirche und die Kornkammer dran

Ein ähnliches Projekt wie in Meßkirch gibt es in Frankreich. In Guédelon bauen 50 Arbeiter seit 1997 mit den Mitteln des Mittelalters eine Burg. Dort finanziert sich das Vorhaben nach anfänglichen Zuschüssen durch Staat und Europäischer Union inzwischen durch Touristen und Merchandise. Auch in Deutschland kommt das Projekt nicht ohne öffentliche Zuschüsse aus.

Die Anschubfinanzierung von rund einer Million Euro aus den Kassen von Stadt, Landkreis und der EU soll für die ersten Jahre reichen. Danach will sich das Projekt mit dem dahinter stehenden Verein als Touristenattraktion selbst tragen.

Während der letzten Saison besuchten bereits rund 36.000 Interessierte die Baustelle. Mindestens ebenso viele sollen es in diesem Jahr werden. Auf Besucher ist vor Ort alles eingestellt: Einen großen Parkplatz ließen die Initiatoren am Waldrand schon zu Beginn des Projekts anlegen.

Diese Saison bauen die Baumeister und freiwilligen Mittelalter-Handwerker die Holzkirche und anschließend eine Scheune als erste feste Gebäude. In dieser Kornkammer soll in den nächsten Jahren die Ernte gelagert werden. An der Stelle der Holzkirche entsteht später die große Kathedrale aus Stein — rundherum entstehen je nach Bedarf weitere Bau- und Mittelalterhäuser.

Bei einem Besuch merkt man, dass jeder Arbeiter voll hinter dem Projekt steht, etwas bewegen und seinen Teil dazu beitragen will. Am Ende des Rundgangs ist man selbst ein wenig verändert und verzaubert vom mittelalterlichen Geist, der hier hautnah zu erleben ist.


Campus Galli

Die Baustelle des Campus Galli kann von Anfang April bis Ende Oktober besucht werden. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, jeweils von 10 bis 18 Uhr. Anfahrt und weitere Details: www.campus-galli.de


Anfang April 2015

hat auf der Mittelalterbaustelle „Campus Galli“ bei Meßkirch im Süden von Baden-Württemberg die zweite Saison begonnen. Nach der Eröffnung der Klosterbaustelle im Jahr 2014 errichten die Arbeiter in diesem Jahr das erste feste Gebäude mit den Baumethoden des Mittelalters. „2015 wollen wir die Holzkirche fertigstellen“, sagt Hannes Napierala, Geschäftsführer des Campus Galli. Auf dem Gelände 30 Kilometer nördlich des Bodensees bauen festangestellte und freiwillige Helfer des Vereins Karolingische Klosterstadt e.V. in den nächsten Jahrzehnten eine ganze Mittelaltersiedlung. Gerade entsteht im Zentrum eine Holzkirche, die anschließend einer neu erbauten Klosterkirche aus Stein weichen soll.


Matthias Knoll (31) studierte Wissenschaftsjournalismus und volontierte an der Axel-Springer-Akademie. Als Wissenschaftsredakteur berichtet er am liebsten über Themen aus Physik, Raumfahrt und Medizin. Außerdem treibt ihn beruflich das Thema Wissenschafts- und Innovationsmanagement um.


Dieser Artikel erschien zuerst in der gedruckten SHIFT-Ausgabe Vol. 1.


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