Arm oder reich, das ist hier die Frage


Ob man ein armes oder reiches Leben führt, hat nicht unbedingt etwas mit Geld zu tun. Es hängt davon ab, welche Schwerpunkte man im Leben setzt.


Lieber arm dran als Bein ab.“ Mit Sprüchen wie diesem versuchte ich mich in der Schule gleichermaßen lässig, witzig und — als angehender Abiturient — geistreich zu geben. Ob das gelungen ist, will ich gar nicht wissen. Jedenfalls hatte ich Spaß an solcherlei flachen Kommentaren. Doch an dem Spruch ist mehr dran als Arme und Beine. Denn er bringt eine Haltung zum Ausdruck. Als würde eine Stimme sagen: „Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen.“ Ich lächelte und war froh und es kam schlimmer. (Nein, das war nur ein Scherz.) Der Punkt ist: Ob arm oder reich, ist eine Frage der Perspektive.

Ich bin in Ostdeutschland als ältester von vier Geschwistern aufgewachsen. Meine Mutter war Hausfrau, ihr war es wichtig, Zeit für uns Kinder zu haben. Mein Vater bekam als Handwerker einen recht bescheidenen Lohn. Statistisch gesehen lebten wir unterhalb der Armutsgrenze. So ähnlich, wie viele Familien heute auch: Über 30 Prozent der Erwachsenen mit drei und mehr Kindern in den neuen sowie rund 22 Prozent in den alten Bundesländern sind gemessen am bundesdeutschen Einkommensdurchschnitt armutsgefährdet. Eine fünfköpfige Familie gilt als arm, wenn das Nettoeinkommen im Haushalt bei weniger als 2.032 Euro liegt.

„Meine Mutter sagte: ‚Ihr solltet sehen, was ihr habt, und nicht, was ihr nicht habt.‘“

Ich wusste als Kind nicht, dass wir „arm“ waren. Zwar war mir klar, dass wir nur begrenzt Geld zur Verfügung hatten, vielleicht auch etwas weniger als andere. Aber ich habe nie einen Mangel erlebt. Wir hatten ein Haus, ein Auto, konnten jedes Jahr in den Urlaub fahren, uns zu Weihnachten und an Geburtstagen beschenken und wir hatten oft Besuch. Meine Mutter sagte mir über diese Zeit: „Ihr solltet sehen, was ihr habt, und nicht, was ihr nicht habt.“

Haben und nicht haben

Dabei hatten wir tatsächlich manches nicht, was andere hatten. So war es für mich völlig normal, gebrauchte Kleidung zu tragen. Ich habe sie von Bekannten bekommen, meine Geschwister dann von mir. Verreisen konnten wir nur, weil wir von Freunden und von einer staatlichen Familienförderung unterstützt wurden. Im Urlaub sind wir höchstens ein Mal in ein Restaurant gegangen. Stattdessen gab es selbstgemachtes Picknick. Das waren für mich allerdings immer die Höhepunkte bei unseren Ausflügen. Taschengeld gab es nur für kurze Zeit, alles Geld, das wir Kinder zu Geburtstagen oder anderen Anlässen bekamen, haben meine Eltern für uns gespart. Zum Beispiel für die Fahrerlaubnis. Auf die Klassenfahrt nach England konnte ich wie einige andere Mitschüler nicht mitfahren. Ein neuer Taschenrechner für die Schule war bei vier Kindern in der Familie eine finanzielle Herausforderung. Wenn unser Auto kaputtging — und das war mehr als einmal der Fall –, war das eine kleine Katastrophe für meine Eltern, weil klar war, dass dabei wieder viel Geld draufgehen würde. Gab es am Haus etwas zu bauen und zu werkeln, hat das mein Vater meist selbst gemacht. Als das Dach von einer Firma neu gedeckt werden musste, haben uns Freunde Geld geliehen, denn von der Bank hätten wir keinen Kredit bekommen.

Mein engster Schulfreund kam aus einer Arztfamilie. Deren neugebautes Eigenheim sah sehr schick aus — Parkettboden, große Glastüren auf die noch größere Terrasse hinaus und dahinter eine Wiese mit Gartenhäuschen, Sitzecke und Pool. Er hatte eine eigene Stereoanlage, las Comics im Abonnement, sein Fahrrad hatte mehr Gänge und mit 16 bekam er ein Motorrad. Das hat mich manchmal gewurmt. Denn im Vergleich mit ihm habe ich gesehen, dass ich weniger hatte und einfacher wohnte als er. Und ein Familienurlaub außerhalb des deutschsprachigen Raums hätte mich auch gefreut.

Ja, ich war manchmal neidisch auf ihn. Aber meine Eltern haben uns Kindern vermittelt: Geld und Besitz sind nicht das Wichtigste. Bei uns wurden andere Dinge großgeschrieben und damit war ich glücklich: Wir vier Geschwister durften alle jeweils mehr als zehn Jahre an der Musikschule ein Instrument lernen, auch zu Hause haben wir viel Musik gemacht; durch den Jugendkreis in der Gemeinde hatte ich ein großes Netzwerk von Freunden; ich liebte den Wald am Ende unserer Straße und wenn es auch keinen Pool in unserem Garten gab — wir hatten einen Bach hinter unserem Haus! Das waren Dinge, die mich reich gemacht haben, auch wenn wir wenig Geld hatten. Ob man ein armes oder reiches Leben führt, ist eine Frage von Prioritäten und Ansprüchen. Als Christen waren meine Eltern davon überzeugt, dass Gott uns mit allem Notwendigen versorgen würde. Das hat er getan.

Geld allein macht nicht reich

Als Zivi habe ich das erste Mal richtig Geld verdient. Eine ganz neuartige Erfahrung, selbst über mein Geld verfügen zu können. Als ich nicht mehr zu Hause wohnte, konnten mich meine Eltern finanziell nicht unterstützen. Während meines Studiums bekam ich BAföG — ein großartiges Geschenk unseres Staates, wie ich finde. Mittlerweile arbeite ich und habe ein festes Gehalt. Ich verdiene etwa so viel wie mein Vater, muss davon aber keine Familie durchbringen. Ich habe mehr Geld, als ich brauche. Trotzdem bin ich immer darauf bedacht, möglichst wenig davon auszugeben. Es fühlt sich gut an, wenn der Stand auf dem Konto konstant bleibt oder sogar nach oben geht. Das ist wie ein Wettkampf — wenn der Betrag von einem Monat auf den anderen nicht sinkt, habe ich gewonnen. Es vermittelt auch ein Gefühl von Sicherheit, zumindest die Möglichkeit zu haben, das Geld auszugeben. Zum Beispiel für Reisen, was ich auch ab und zu tue. Aber man kann ja nie wissen, was einmal passiert. Also lieber Geld horten. Oder?

„Es fühlt sich gut an, wenn der Stand auf dem Konto konstant bleibt oder sogar nach oben geht. Das ist wie ein Wettkampf.“

Nicht nur einmal hat mich meine Mutter ermahnt, nicht geizig zu sein. Zu Hause habe ich auch etwas anderes gelernt: Regelmäßig spendeten meine Eltern für die Kirche und soziale Hilfsprojekte im Ausland. Das möchte ich auch. Aber wenn ich dann entscheiden muss, welchen Schein ich in den Spendenkorb lege, ist der Fünfer wesentlich schneller bei der Hand als der große braune. Ich übe mich noch darin, großzügig zu sein. Macht es mich glücklicher, finanziell unabhängig zu sein? Es entspannt mich in der Hinsicht, dass ich mir keine Sorgen darum machen muss. Dafür bin ich sehr dankbar. Aber glücklich bin ich nicht deshalb, sondern wegen der Dinge, die mein Leben auf einer anderen Ebene reich machen. Eine erfüllende Arbeit, Begegnungen mit Menschen, die Musik, eine Wanderung durch die Berge oder die Möglichkeit, anderen zu helfen — auch mit Geld.


Jonathan Steinert (30) freut sich über Geld auf dem Konto. Aber er hat gemerkt, dass es ihn glücklicher macht, es auszugeben als zu horten.

Bonustrack

Dieser Artikel ist einer von vier Bonustracks zur gedruckten SHIFT-Ausgabe Vol. 2.


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