Außergewöhnlich

Nachgefragt bei Conny Wenk

Bild: Conny Wenk

Was war Ihre Motivation für das Fotoprojekt über Kinder mit Down-Syndrom?

Vor 14 Jahren wurde unsere Tochter Juliana mit dem Down-Syndrom geboren. Die Diagnose hat uns den Boden unter den Füßen weggerissen und die Freude über ihre Geburt war erst einmal getrübt. Wir wussten so gut wie gar nichts über das Down-Syndrom, und kannten noch nicht einmal vom Sehen einen Menschen mit Down-Syndrom. Keiner gratulierte uns zur Geburt unserer Tochter, stattdessen bekamen wir das Buch „Trostgedanken“ geschenkt.

Am Anfang wollte ich meine Tochter immer so normal wie möglich hinbekommen, damit sie in unserer Gesellschaft bloß nicht auffällt. Irgendwann dämmerte es mir, dass es da gar nichts gibt, was in Ordnung zu bringen wäre. Wenn etwas nicht stimmt, dann hat es weniger mit meiner Tochter zu tun, als mit unserer Gesellschaft. Denn die stellt ja die Normen auf und legt fest, was normal ist.

2004 erschien die erste Ausgabe meines Buches „Außergewöhnlich“, in dem ich 15 Mütter und ihre Kinder mit Down-Syndrom porträtiert habe. Mit diesem Fotoband wollten wir zeigen, dass das Leben mit einem Kind mit Down-Syndrom keineswegs bedeutet, weniger Spaß, Glück und Freude zu empfinden.

Das Buch-Projekt wurde damals großzügig von Aktion Mensch gesponsert und konnte 25.000 Mal gedruckt werden. Dank Humana konnte unser Buch an Geburtskliniken und Frauenarztpraxen verteilt werden. 2013 haben wir das Buch mit neuen Bildern und neuen Geschichten neu aufgelegt, weil die Erstausgabe inzwischen vergriffen war.

Wie hat Sie die Arbeit mit den Kindern mit Down-Syndrom und deren Eltern verändert?

Vom Schock der Diagnose haben sich einige von uns schneller, die anderen langsamer erholt. In einer Sache sind wir uns aber alle einig: Wir Eltern sehen die Einzigartigkeit unserer Kinder auch als einzigartige Chance, persönlich zu wachsen und reifer und stärker zu werden. Wir haben herausgefunden, was wirklich wichtig ist. Wir haben gelernt, uns auch über kleine, banale Dinge zu freuen. Unsere Kinder haben uns gezeigt, wie man mit dem Herzen sehen kann, statt mit den Augen.

Gibt es eine Begegnung oder ein Erlebnis, das Sie besonders berührt hat?

Ein paar Monate nach Julianas Geburt habe ich über meine Frauenärztin den Kontakt zu einer anderen Mutter eines Sohnes mit Down-Syndrom bekommen. Als ich sie anrief, lud sie mich spontan zum Kaffee mit sechs weiteren Müttern und ihren Kindern mit Down-Syndrom ein. Ich weiß noch, wie aufgeregt ich vor diesem Treffen war, war es doch das erste Mal, dass ich Menschen mit Down-Syndrom begegnete. Juliana war erst vier Monate alt und der Schock über ihre Diagnose und die Zukunftsängste waren noch allgegenwärtig. Ich war darauf eingestellt, einen Haufen depressiver Mütter anzutreffen. Aber es kam alles ganz anders: Schon im Treppenhaus hörte ich lautes Gelächter und einen Sektkorken knallen. Ich war völlig verdutzt. Denn wie konnte es jetzt — mit so einem Kind — noch was zu feiern geben? Ich wurde damals an der Wohnungstür freudestrahlend vom dreijährigen Yannik begrüßt, der innerhalb von Sekunden mein Herz eroberte und mich in die Wohnung führte. Seit diesem Tag hat sich alles geändert. Auf einmal ging es bergauf.

Welchen Herausforderungen begegnen Sie in Ihrer Arbeit mit Menschen mit Down-Syndrom?

Ob ich jetzt Kinder mit Down-Syndrom oder einem anderen Syndrom oder gar keinem Syndrom fotografiere, macht keinen großen Unterschied. Zum Glück haben die meisten Lust und Laune fotografiert zu werden. Und wenn sie mal bockig sind oder sehr schüchtern, kann es schon eine Weile dauern, bis man sie aus der Reserve gelockt hat. Die Anzahl der Chromosomen spielt dabei keine Rolle.

Welche Vorurteile sollten wir in unserer Gesellschaft gegenüber Kindern mit Down-Syndrom dringend begraben?

In der Tat gibt es in unserer Gesellschaft leider immer noch viele Vorurteile gegenüber Kindern mit Down-Syndrom, die sich hartnäckig halten. Ich erinnere mich noch, als uns die Ärzte bei der Geburt unserer Tochter sagten, dass sie vermutlich nie lesen und schreiben lernen werde. Wie gerne würde ich ihnen Julianas kleine Bibliothek zu Hause zeigen. Meine Tochter ist eine begeisterte Leseratte. Früher hat man unseren Kindern sehr wenig zugetraut. Manchmal ertappe auch ich mich dabei, dass ich meine Tochter mal wieder unterschätzt habe. Wenn sie zum Beispiel mit dem Totenkopf-Schwimmabzeichen „Silber“ (90 Minuten ohne Unterbrechung Schwimmen, Anm.) nach Hause kommt. Da kann ich mir aber eine gewaltige Scheibe von ihr abschneiden.

Was können Menschen mit Down-Syndrom besser als wir?

Es gibt ein paar Eigenschaften, die ich an Menschen mit Down-Syndrom sehr beneide. Die meisten von ihnen verstehen es wunderbar, ganz im Hier und Jetzt zu leben. Ich liebe ihre direkte Art und Ehrlichkeit. Einmal wollte ich mit meinem 24-jährigen Freund Dennis — ein junger Mann mit Down-Syndrom — telefonieren. Wir sind seit vielen Jahren sehr gut befreundet. Als ich ihn anrief, meinte er: „Ich kann jetzt nicht mit dir telefonieren, ich habe mir schon meine Lieblings-DVD in den Player eingelegt, die werde ich jetzt anschauen.“ Einfach herrlich! Das würde ich mich manchmal auch gerne trauen.

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“, heißt es so schön. Was sollen Ihre Bilder transportieren, welche Botschaft würden Sie gerne weitergeben?

Mit meinen Bildern möchte ich Berührungsängste und Vorurteile in der Gesellschaft abbauen. Sobald einem etwas vertraut ist, verliert man seine Angst davor. Und ich möchte anderen Mut machen.

Interview // Debora Höly


In ihrem Buch „Außergewöhnlich“ (Neufeld Verlag) porträtiert die Fotografin Conny Wenk 13 Mütter von Kindern mit Down-Syndrom. Auf 123 Seiten zeigt sie mit Bildern und Texten, wie schön das Leben mit dem gewissen Extra sein kann.

Conny Wenk lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern Juliana und Nicolas in Stuttgart. Ihrer Tochter, die 2001 mit dem Down-Syndrom auf die Welt kam, hat sie es zu verdanken, dass ihre große Leidenschaft Fotografie schließlich zum Beruf wurde. Für ihren Einsatz für Menschen mit Down-Syndrom wurde ihr 2011 vom Deutschen Down-Syndrom InfoCenter der „Moritz“ verliehen.


Bonustrack

Dieser Artikel ist einer von zehn Bonustracks zur gedruckten SHIFT-Ausgabe Vol. 4.


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