Von der digitalen Revolution überfordert


May I have your attention, please: Um die Zeitschrift der Zukunft zu machen, wollen wir Kommentare der Vergangenheit abdrucken. Seid ihr dabei?
Worum es geht? Normalerweise veröffentlicht man zunächst einen Printartikel, zu dem es in der Folgeausgabe die Leserbriefe zu lesen gibt. Wir drehen den Spieß einfach um und lassen folgenden Artikel schon jetzt von euch kommentieren. Eine Auswahl eurer Anmerkungen, die ihr direkt bei jedem Absatz rechts hinterlassen könnt, drucken wir dann in der kommenden SHIFT-Ausgabe ab.
In diesem Sinne — Bühne frei für Martin Gieslers Artikel und euren Senf dazu.

Sich erst von der Informationsflut mitreißen lassen und dann nach Entschleunigung schreien, kurz bevor man ersäuft. Zwischen diesen beiden Extremen fällt die Suche nach neuen Kulturtechniken augenscheinlich nicht leicht. Dabei ist genau das bitter nötig. Nehmen wir uns also mehr Zeit, zu verstehen — und nicht nur zu refreshen, zu retweeten und zu rebloggen.

Es müssten jetzt etwas mehr als drei Monate sein. Drei Monate, die ich ohne Smartphone lebe. Kein iPhone, kein Galaxy, kein OnePlus, nix. Einfach nur einen alten Knochen von Nokia, zum Telefonieren und Simsen, that’s it.

Was am Anfang nur meiner ganz privaten Testreihe geschuldet war (wie oft kann man ein Fairphone wohl fallen lassen, bevor es den Geist aufgibt?), entwickelte sich rasch zu einer Haltung. Die Idee, keinen Alleskönner mehr in der Hosentasche zu haben, wurde von Tag zu Tag attraktiver. Diese Informationsbringer können einem zwar immer sofort alles liefern, sind aber auch niemals wirklich aus.

Klar, es gibt einen Ausknopf, aber wer drückt den schon? Meine Angst davor, etwas verpassen zu können, war zu groß, um nicht zu sagen: der entscheidende Grund dafür, dass ich ständig mein Smartphone in der Hand hatte. Hier eine Diskussion auf Facebook, da ein neuer Blogpost, dort eine neue Mention auf Twitter. Ich hatte meinen Medienkonsum nur schwer im Griff. Ehrlich.

Das Perfide daran: Mein Verhalten war absolut genau so gewollt. The Fear of Missing out ist ein essentieller Bestandteil der Logik all der Produkte, die uns täglich umgeben: Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat, WhatsApp, ja sogar Apps wie CandyCrush — alle setzen auf diesen psychologischen Effekt. Der Newsfeed kennt kein Ende.

Und wir Konsumenten spielen das Spiel mit, ziehen fleißig weiter die Apps von oben nach unten — neue Infos, neue Reize, neue Trigger. Das Spiel kann von vorne beginnen. Es ist nicht leicht, sich aus diesem Kreislauf zu befreien. Nicht umsonst gibt es Entschleunigungsseminare für gestresste Digital Natives — irgendwo draußen, weit weg vom nächsten Sendemast, irgendwas mit Dreck machen, und nicht mit Medien.

Es wirkt fast so, als würde uns die technologische Entwicklung historisch einmalig überrollen. Da die schlimme neue Technik, hier die überforderten Opfer. Aber Geschichte wiederholt sich: Als etwa die ersten Eisenbahnen im 19. Jahrhundert auf einmal durch das Land sausten, war das auch für die klügsten Köpfe zu viel. Selbst Johann Wolfgang von Goethe konnte sich nicht vorstellen, wie Menschen die Geschwindigkeiten von Lokomotiven rein physisch auf Dauer verkraften würden. Von den psychologischen Folgen ganz zu schweigen. Keine vierzig Jahre später war die Welt eine andere. Die Eisenbahn hatte als Wegbereiter der Industrialisierung das Leben nachhaltig und unumkehrbar verändert: Kinder wurden endlich vor Arbeit geschützt, Sozialversicherungssysteme eingeführt, der Lebensstandard konnte für viele steigen. Zugleich wurden tradierte soziale Verhältnisse durch die eingesetzte Landflucht zerrüttet, Arbeiter zu unwürdigen Bedingungen ausgebeutet und die industrielle Fertigung für einen bis dahin unvergleichlichen Krieg genutzt, den Ersten Weltkrieg.

Wie nachhaltig nun Smartphones, das Internet, die Neuen Medien und soziale Netzwerke unser Leben verändern werden, können sich auch heute die klügsten Köpfe nicht ausmalen. Schon heute erleben wir eine Revolution nach der nächsten: die digitale Revolution, die Revolution der sozialen Netzwerken, die mobile Revolution. Denn die rasante Entwicklung von Technik überrollt Medienanbieter und Medienkonsumenten gleichermaßen. Was wir aber aus der Geschichte lernen können, ist, dass wir stets unsere Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders neu anpassen müssen. Neue Kulturtechniken erlernen wir nicht von heute auf morgen. Nehmen wir uns also mehr Zeit, die Dinge zu verstehen, kritisch zu hinterfragen und für unseren Vorteil einzusetzen. Die Zeit ist garantiert nicht weniger geworden, wir nutzen sie nur anders.


Liebe Leser, so sieht die Erfahrung von Martin aus. Wie erlebt ihr das? Was sind unschlagbare Vorteile, die ihr nicht missen möchtet? Welche negativen Auswirkungen seht ihr an eurem eigenen Leben?

Martin Giesler (33) ist Redakteur beim ZDF und bloggt über die Zukunft des Journalismus sowie die Digitalisierung der Gesellschaft. Zudem ist Giesler Herausgeber des Social Media Watchblog — ein Newsletter, den über Tausend Medienmacher und Journalisten täglich lesen.


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