Der Tabubrecher

Diagnose Depression. Wie bitte? Tobi Katze hätte mit allem gerechnet, aber damit nicht. Dann sagt er der „Arschlochkrankheit“, wie er sie nennt, den Kampf an — mit Humor.

Bild: moma artists — pop up comedy

Irgendwann merkte Tobi Katze, dass etwas nicht stimmt. Und zwar mit ihm. Gute fünf Jahre ist es her, da begannen seine Emotionen plötzlich verrückt zu spielen. Vom einen Moment auf den anderen brach er in Tränen aus. Ohne ersichtlichen Grund fühlte er sich unglaublich träge. Und manchmal war das einzige, was er spürte — dass er nichts mehr spürte.

Wer Tobi Katze kennenlernt, dem fällt es schwer zu glauben, dass diesem Mann mal die Energie ausgehen könnte wie einem Kühlschrank, dem man den Stecker zieht. Der 35-Jährige ist ein gemütlicher Kerl, ein Kumpeltyp. Das dünne, kastanienbraune Haar trägt er locker und etwas windschief zur Seite gekämmt, auf seinen rechten Unterarm hat er sich in großen Buchstaben das Wort Poesie tätowieren lassen. Katze hat angewandte Literatur- und Kulturwissenschaften studiert, seine Abschlussarbeit schrieb er über Computerspiele.

Tobi Katze, der eigentlich Tobias Rauh heißt, ist einer dieser Menschen, bei denen man nach fünf Minuten denkt, man kenne sich schon ewig. Doch hinter der lockeren Schale verbirgt sich ein zerbrechlicher Kern. Seit 2011 fahren seine Emotionen Achterbahn, und dafür gibt es einen guten Grund: Er hat Depressionen.

Befreiende Diagnose

Die Diagnose war für ihn kein Weltuntergang. Im Gegenteil. „Das war total großartig“, sagt er. Die Erkenntnis, dass eine Krankheit einzig und allein die Schuld an der ganzen Situation trug, war für ihn erlösend. Endlich habe er gewusst, erinnert sich Katze, „dass ich mich nicht anstelle oder komisch bin“. Sondern eben krank. „Das war ein sehr befreiender Moment.“

Dass Katze heute so entspannt über seine Depression reden kann, liegt auch daran, dass er ihr den Kampf angesagt hat. Der Bochumer ist Autor, er hat seine Krankheit in die Öffentlichkeit gezerrt, um ihr den Rest zu geben. „Depression ist eine Arschlochkrankheit, und ich habe beschlossen, dieser Arschlochkrankheit in den Arsch zu treten“, sagt er. Und am besten gehe das, indem man über sie lacht.

Es hat ein wenig gedauert, bis Tobi Katze dazu in der Lage war. Woher die Depressionen kamen, das habe er sich nicht erklären können, sagt er, und er könne es bis heute nicht. „Das kam total unerwartet.“ Kein Stress, kein Streit, keine sonstigen Strapazen. Am Anfang fiel ihm die Krankheit nicht einmal auf. „Das war eher ein schleichender Prozess“, erinnert er sich. Auf einmal waren die Depressionen da und der Ruhrpottler musste sich mit der neuen Situation arrangieren.

Weihnachten, Twitter und Mettwurst

Anfang 2014 — nachdem er Zeit gehabt hatte, alles ein wenig sacken zu lassen — fühlte sich Katze bereit, die Depression zum Bestandteil seiner Arbeit zu machen und begann, über sie zu schreiben. Für den „Stern“ fütterte er zwei Jahre lang das Blog „dasgegenteilvontraurig“ mit Texten. Herrlich selbstironisch, teils auch nachdenklich philosophierte er dort über Weihnachten, Twitter und Mettwurst aus der Sicht eines Depressiven. Im Herbst 2015 erschien sein Buch „Morgen ist leider auch noch ein Tag“. Der Untertitel gleicht einer Kampfansage: „Irgendwie hatte ich von meiner Depression mehr erwartet“. Das 256 Seiten lange Werk stürmte gleich die Spiegel-Bestsellerliste und hielt sich wochenlang in den Top Ten.

„Ich tue das, weil es sonst keiner tut“

Gut besucht ist auch die Bühnenshow zum Buch, in deren Rahmen er Szenen aus dem Alltag mit der Krankheit persifliert, als sei sie ein Mensch, den es gemeinsam auszulachen gilt. So erzählt Katze davon, wie er grübelt, „ob ich mich dazu durchringen könnte, der Freundin eine SMS schreiben zu wollen“ oder wie die Küche in Flammen aufgeht, und er sich entspannt ein Glas Cola einschenkt. „Scheint ja auch ohne mich ganz gut zu laufen“, so sein Fazit.

Ist das jetzt alles eine Form der Selbsttherapie? Falsch gedacht. „Ich spreche auf der Bühne über nichts, was ich nicht verarbeitet habe“, stellt Katze klar. Warum macht er es dann? „Ich tue das, weil es sonst keiner tut.“ Über das Thema Depression müsse offener gesprochen werden, fordert er. „Ich habe keine Lust, ständig den gleichen Vorurteilen zu begegnen.“ Denn die klingen immer ähnlich: Du stellst dich doch nur an. Du bist faul. Du musst einfach mal rausgehen. Nicht gerade das, was man als Erkrankter hören will. Katze möchte dem entgegenwirken, und er tut es auf seine Weise: mit brachialem Witz.

Raus aus der anrüchigen Ecke

„Richtig super“ sei das, so depressiv zu sein, verrät er etwa in seinem Bühnenprogramm. „Man fühlt sich nicht scheiße, weil man ein Arschloch ist. Gut, wegen allem anderen. Aber nicht wegen dem Arschlochsein, man muss das positiv sehen.“ Vor rabenschwarzem Humor ist der Träger des Bielefelder Kabarettpreises noch nie zurückgeschreckt, oft schwingt auch eine Portion unterschwelliger Gesellschaftskritik mit. Zum Beispiel, wenn Katze von einem Kumpel berichtet, der ihm sagte, er solle sich eben nicht so hängen lassen. „Der denkt wahrscheinlich auch, dass Blinde nicht so schwarzsehen sollen.“

„Ich habe das Gefühl, dass sich was bewegt“

Depressionen — kein alltägliches Thema für einen unbeschwerten Comedy-Abend. Aber Katzes Show kommt an. „Die Leute finden es gut, dass jemand ein Tabu bricht“, hat er bei seinem Publikum festgestellt. Nicht wenige seiner Zuschauer haben selbst Depressionen. Viele von ihnen bringen ihre Angehörigen mit, in der Hoffnung, im Anschluss bei ihnen auf ein wenig mehr Verständnis zu stoßen. Bei einem Rollstuhlfahrer, vergleicht Katze, könne jeder einschätzen, „was er kann und was nicht“. Bei Depressionen wisse hingegen kaum jemand, welche genauen Auswirkungen die Krankheit habe. Sein Ziel ist, dass sich das ändert.

Den öffentlichen Disput über die Krankheit sieht der in Hamm bei Dortmund geborene Katze langsam aber sicher auf einem guten Weg. „Ich habe das Gefühl, dass sich was bewegt“, erläutert er. Vor allem die Medien würden seit einigen Jahren mehr berichten, mehr recherchieren, mehr mit Erkrankten sprechen, statt nur über sie. „Das Thema wird nicht mehr in eine Ecke gestellt, die ein bisschen anrüchig ist.“ Und doch gebe es noch eine Menge zu tun. Ein Dorn im Auge sind ihm zum Beispiel „diese schwarz-weißen Symbolbilder von Frauen, die den Kopf in den Händen vergraben. Das könnte langsam mal aufhören.“

Lieber nach vorne schauen

Der Autor hat einen Beitrag dazu geleistet, er wird das auch weiterhin tun, vor allem auf der Bühne. Doch irgendwann möchte er sich auch wieder anderen Themen widmen. Die Depression zu bekämpfen sehe er nicht als seine Lebensaufgabe an. „Das ist eben das, womit ich mich momentan beschäftige.“ Kommendes Jahr soll sein neues Buch erscheinen. Das Thema mag er noch nicht verraten, aber eins ist klar: Es wird nicht noch einmal um Depressionen gehen. Auch sein 2012 erschienenes Erstlingswerk war nicht gerade von ernster Natur: „rocknrollmitbuchstaben“ ist eine Sammlung kurzweiliger Gedichte und Prosatexte über Laserdrucker, Ukulelen und hysterische Ex-Freundinnen.

„Ich kann das Leben wieder genießen“

Das Lachen, es ist Tobi Katze trotz allem nicht vergangen. Die Depression spielt in seinem Leben keine Hauptrolle mehr. Eine erfolgreiche Therapie hat er hinter sich, die Psychopharmaka, die er lange nahm, probiert er derzeit abzusetzen und zum Psychiater muss er nur noch einmal im Monat. Medizin und Therapie hätten ihm sehr geholfen, sagt Katze, genauso wie seine Familie und Freunde, die ihm Freiräume ließen, wenn er allein sein wollte. Woher die Depressionen kamen, weiß er bis heute nicht. Die Suche nach Gründen hat er mittlerweile aufgegeben. „Letztendlich ist das auch nicht wichtig“, sagt er. „Weil es Vergangenheit ist.“

Katze schaut lieber nach vorne. Aktuell fühlt er sich gut, er ist wieder belastbar, kann seinem Job, seiner Passion mit voller Konzentration nacheifern. Vormittags schreibt er mehrere Stunden, nachmittags ebenso, abends steht er auf der Bühne. „Ich bin wieder arbeitsfähig“, sagt Katze. Und viel wichtiger: „Ich kann das Leben wieder genießen.“ Depressive Schübe von mehreren Wochen, wie er sie früher ständig hatte, kommen gar nicht mehr vor. Heute sind es maximal zwei bis drei Tage. Und selbst das ist für ihn kein Problem: „Dann bleibe ich einfach im Bett, und das ist dann auch okay“, sagt er lapidar.

Wann er seine letzte längere depressive Phase hatte, weiß Tobi Katze gar nicht mehr. „Wahrscheinlich“, grübelt er, „ist das ein gutes Zeichen.“


Bei den einen ist es Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit oder Verzweiflung, bei anderen einfach Gefühllosigkeit. Manche fühlen sich antriebslos und müssen große Überwindung aufbringen, um die Dinge des täglichen Lebens zu meistern. Wieder andere werden von Ängsten geplagt, sie fühlen sich unsicher, machen sich Sorgen um die Zukunft. Eine Depression kann die verschiedensten Auswirkungen haben. Fakt ist jedoch: Sie gehört zu den meist verbreiteten Krankheiten in der Bundesrepublik. Schätzungen zufolge haben zwischen drei und vier Millionen Deutsche Depressionen.
Die Gründe für eine Erkrankung sind vielschichtig und können oft nicht eindeutig festgestellt werden. Als sicher gilt jedoch, dass meist eine Depression entsteht, wenn mehrere Ursachen zusammenkommen. Häufig sind Schicksalsschläge der Auslöser (Krebserkrankung, Todesfall in der Familie, Scheidung), allerdings können beispielsweise auch Stoffwechsel- oder Funktionsstörungen im Gehirn zu einer Depression führen. Entscheidende Faktoren können etwa auch die Gene, die Erziehung oder einfach die Persönlichkeit sein. So gehen manche Menschen mit einer Krebsdiagnose erstaunlich gut um, während andere von ihrer Pensionierung völlig aus der Bahn geworfen werden. Manchmal ist auch gar keine Ursache erkennbar.
Depressionen treten in der Regel schubweise auf. Eine depressive Phase dauert im Schnitt zwischen sechs und acht Monaten, wenn sie nicht behandelt wird. Eine medizinische Betreuung kann den Zeitraum jedoch deutlich verkürzen — und die Rückfallrate senken.
Laut dem Dachverband der Betriebskrankenkassen ließen sich 2015 etwa 15 Prozent aller Krankschreibungen in der Bundesrepublik auf seelischen Leiden zurückführen. Das ist doppelt so viel wie 2003. Die Tendenz ist weiterhin steigend. Experten vermuten dahinter jedoch weniger eine Ausbreitung, sondern vielmehr eine Enttabuisierung der Krankheit, die dazu führt, dass sich immer mehr Menschen trauen, über ihre Depressionen zu reden und sich deswegen behandeln zu lassen.

Manuel Schubert (25), freier Journalist, mag Menschen, die über sich selbst lachen können. Wem das genauso so geht, dem sei empfohlen, sich mal mit Tobi Katze zu unterhalten.

Bonustrack

Dieser Artikel ist einer von sechs Bonustracks zur gedruckten SHIFT-Ausgabe Vol. 4.


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