Eine Woche Offline — Ich bin dann mal Steinzeit


Sieben Tage voller Schmerz, Wut und Eifersucht


Irritiert schaue ich auf das Display meines Smartphones. Normalerweise prüfe ich Sekunden nach dem Aufwachen mit dem linken Auge die Uhrzeit und mit dem rechten, ob mir mein Handy nicht etwas mitzuteilen hat: Verrät mir der 11-Freunde-Transferticker, ob der seit Tagen langersehnte Wechsel von Carlos Eduardo in die Domstadt nun endlich in trockenen Tüchern ist? Habe ich wieder unzählige WhatsApp-Nachrichten über belanglosen Alltagsmüll erhalten, mit dem mich meine Fußballvereins-Konversation mal wieder auf die Palme bringen möchte? Und: Hat mein Mitbewohner nun endlich die letzten drei Fragen bei Quizduell beantwortet, sodass ich mich mit dem offiziellen WG-internen Titel des Quizmasters rühmen darf?

Nichts dergleichen ist der Fall, und nach wenigen Sekunden erinnere ich mich auch wieder an den Grund: Eine Woche kein Internet!

Im Grunde hatte alles ganz harmlos angefangen. Chefredakteur Höly erzählte mir von eben jenem Experiment, eine Woche ohne Internet. Ich als Student und Hobby-ich-lese-und-stalke-mal-so-alles-was-im-Internetdschungel-nicht-bei-drei-auf-den-Bäumen-ist-Flitzpiepe sei ja prädestiniert für diesen Job. Wie meine Antwort ausfiel, lest ihr ja.

Dass meine Vorbereitungen für die internetfreie Woche überragend waren, daran bestanden meiner Meinung nach null Zweifel: Zug-, Bahn- und Busverbindungen zur Uni, Arbeit und in die Heimat kenne ich aus dem Effeff. Und Dank sei den Erfindern des Bildschirmabzugs! Schnell noch ein knappes Dutzend Screenshots von Texten und Interviews machen — und die Woche wird in Nullkommanichts abgehakt sein. War ich nicht schließlich der tolle Hecht, der im Tunesienurlaub letzten Sommer seine Freundin davon überzeugen konnte, keinen Cent für das kostenpflichtige Wi-Fi zu bezahlen? Bin ich nicht immer derjenige, der einen guten Freund viel lieber anruft, als lästige und unpersönliche Nachrichten per WhatsApp zu verschicken? Und überhaupt: Wozu die BILD- und Spiegel-Online-App, wenn es doch noch den guten alten Teletext ganz für lau gibt? Ha! Wenn es einer schaffen würde, eine Woche offline zu bleiben, dann doch wohl der allmächtige Daniel Wien!

Wie sehr ich mich doch täuschen sollte.

Langsamer als der Ford Ka von meiner Oma

Sonntags um 23:59 war es dann so weit: Mobile Daten und W-LAN aus, Fernseher zum Zeitvertreib an. Ich ließ mir meine sorgfältig geplante Organisation noch einmal durch den Kopf gehen: Habe ich wirklich allen wichtigen Personen meines sozialen Umfeldes Bescheid gegeben? Alle klausurrelevanten Vorlesungen und Übungen runtergeladen? Alle Spiele, die mir zum Zeitvertreib von Freunden empfohlen wurden, auf meinem Smartphone installiert? In diesen Momenten empfinde ich ein Gefühl der Unsicherheit, ein ähnliches Gefühl, wie wenn man in den Urlaub fährt und permanent den Verdacht hat, etwas vergessen zu haben.

Der nächste Morgen fängt mit dem bereits beschriebenen Blick aufs Handy an. Nachdem ich die Lage gecheckt habe (diesmal halt nur analog), begebe ich mich ins Bad und bemerke just in diesem Moment, was mich den Abend zuvor so schlecht hat einschlafen lassen: Ich habe für keinen Ersatz meiner morgendlichen Spotify-Playlist gesorgt. KACKE! Wie soll ich denn jetzt bitte gut in den Tag, geschweige denn in meine internetfreie Woche starten? Zu allem Überfluss ist das Badezimmer unserer WG wohl auch das einzige Badezimmer in ganz Deutschland, welches keine Steckdose beheimatet. Kein Strom, de facto kein Radio. Bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als musikalisch selbst aktiv zu werden. Dass sich meine Stimme a cappella allerdings so grausam anhört, hatte ich schon ganz vergessen.

Nach einem vergleichsweise äußerst kurzen Aufenthalt im Bad ergreift mich relativ schnell die Angst, etwas zu verpassen. Irgendetwas. Als bekennender Fan von Tommy Jauds Romanen ist mir ein Zitat der Hauptfigur seines Werkes „Millionär“ in den kommenden Tagen sehr präsent: „Ja, ich bin spiegel.de-süchtig. Vielleicht liegt es ja daran, dass ich den kompletten 11. September 2001 im Phantasialand Brühl verbracht und mich dann am Abend gewundert habe, dass ich mir als Einziger im Kino ‚Die unglaubliche Reise in einem unglaublichen Flugzeug‘ angeschaut habe. Seit diesem schrecklichen Tag hab ich die ständige Angst, dass gerade etwas Schreckliches passiert und ich erfahre nichts davon.“

Da ich jedoch für Printmedien zu geizig bin und mir der Weg zum nächsten Kiosk ohnehin zu weit ist (ja, ich wundere mich auch immer wieder über diese Studentenklischees, die sich von Tag zu Tag aufs Neue bewahrheiten), schalte ich meine Röhre an und öffne den ARD-Teletext. Keine weltbewegenden News auf den ersten Blick, also tippe ich die 200, um meine eigentliche Sucht zu befriedigen: Sportnachrichten. Voller Entsetzen wird mir klar, warum ich den Teletext schon lange vor meinen Internetaktivitäten für Tod erklärt hatte: Der Ladevorgang ist langsamer als der Ford Ka von meiner Oma. Gut, das Alter ist ungefähr das gleiche, so Mitte 1990er. Dass ich mit der Suche nach einer Seite aber fast eine ganze Werbepause gefüllt bekomme, stört mich dann doch. Ach, waren das noch Zeiten, damals, als ich zwischen Spox, Kicker und 11 Freunde wählen und mit einem Fingerdruck alle Infos abrufen konnte… Wann war das nochmal? Ach ja, vor knapp elf Stunden.

70 Prozent Akku? Wen interessiert’s?

Um eins mal vorweg zu nehmen: Es wird nicht besser. Mit Ach und Krach und ein bisschen Improvisationsglück gelingt mir der perfekte Teig für meine Pancakes. Stolz wie Oskar zeige ich dem imaginären chefkoch.de-Guru meinen imaginären Mittelfinger und frage ihn, wer denn nun der Chef im Kochsaal sei.

Nach diesem kleinen, aber für das Selbstwertgefühl wichtigen Sieg im Krieg gegen das Netz nimmt das Unheil seinen Lauf. Max, mein Mitbewohner, bester Freund und Schadenfreude in Person, hält es für angebracht, von einem „so geilen Video“ zu schwärmen, welches er vor wenigen Momenten auf Facebook entdeckt habe. Gleichzeitig beömmelt er sich vor Lachen. Ich kann nicht lachen. Der unerwartete Rachefeldzug des Internets ist gelungen. Aber so leicht ergebe ich mich nicht. „Ey Max, wie wäre es wenn du das Video einfach mit meinem Handy abfilmst und mir dann zeigst?“, frage ich. „Das ist Betrug“, entgegnet er. Er hat Recht.

Als ich gegen Abend in mein Bett falle und mich wundere, wie ich diesen Tag überstanden habe, fällt mir auf: Ich habe tatsächlich seit einigen Stunden nicht mehr auf mein Handy geguckt. Nichts passiert. Mein Handy erlebt die ruhigste Phase seines im Durchschnitt zweijährigen Lebens, und wie dankt es mir? Mit 70 Prozent Akku. Vielen Dank auch.

Der nächste Tag verläuft ähnlich. Der übliche Unikram, der übliche Teletextkram. Mir fehlt meine Fußballgruppe, dieses dumme Gelaber, diese unnützen Videos, diese Gewissheit, nichts zu verpassen, selbst wenn es der größte Schrott ist. Mir fehlt, aus meinem Bett meinen beiden Mitbewohnern per WhatsApp mitzuteilen, dass sie stinken. Mir fehlt das Surfen auf mydealz, obwohl ich gar nichts brauche. Und mir fehlt, mich bei Facebook über Alles und Jeden aufregen zu können. Ich vermisse die Leute, die meinen, sie müssten ihr Essen auf Facebook posten, und ich vermisse die Personen, die ebenso sinnfrei ihren Körper nach einem Aufenthalt im Fitnessstudio der ganzen Welt präsentieren. Ich vermisse Gesprächsthemen.

Der Weg zu meinem Nebenjob bestätigt mich in allen Belangen. Busfahrten sind für mich eigentlich Entspannung pur. Und selbst wenn eine Gruppe vorlauter Jugendlicher unmittelbar neben mir sitzt, bin ich nicht genervt, sondern finde das unterhaltsam. Vor mir zwei Mädchen in der Pubertät, die irgendwelche WhatsApp-Verläufe durchforsten und gleichzeitig kichern und gackern wie zwei Hühner. Neben mir einer mit schmierigen Haaren, vertieft in seine Spotify-Playlist. Schön für euch drei! Nur könntet ihr euch bitte nicht irgendwo anders hinsetzen? Am besten in den nächsten Bus, damit ich euren Anblick nicht mehr ertragen muss, ihr Smartphone-süchtigen Internetkonsumenten!

Als der Bus in meine Endhaltestelle einfährt und ich aussteige, freue ich mich ausnahmsweise mal auf sechs Stunden Arbeit bei meiner sonst so öden Aushilfstätigkeit im Baumarkt.

Staubsaugen als Leidenschaft

Die darauffolgenden Tage bieten nur wenig Abwechslung. Meine Freundin frohlockt, dass ich sie nun viel öfter anrufen würde. Recht hat sie, weiterhelfen tut mir das jedoch nicht. Meine ach so überragende Vorbereitung stellte sich bereits nach einem Tag als mittelgroße Katastrophe dar: So ein Interview liest sich auf Entzug dann doch deutlich schneller als beim Halbschlaf im Regional-Express. Meine Ablenkungsmanöver gestalten sich recht einseitig: lernen, essen, Großeltern anrufen, meinen Mitbewohnern auf den Sack gehen, bei ganz harter Langeweile den obligatorischen Kurzbesuch im Fitnessstudio abhalten und wenn gar nichts, wirklich gar nichts mehr geht — die Bude putzen. Dabei staune ich selbst über meine Motivation, die der verfrühte Frühjahrsputz in mir hervorbringt. Wie schön ein ordentliches Zimmer doch ist, so rein und staubfrei! Wie hieß noch gleich der Erfinder des Staubsaugers? Ich sollte ihm eine Dankeskarte schreiben, eine Ode widmen oder zumindest auf meine imaginäre Walk-of-Fame-Liste setzen, direkt über Klaus „mir ist scheißegal was andere über mich denken“ Kinski, aber unter DFB-Legende und Idol einer ganzen Fußball-Nation Carsten Jancker. Und hier nochmal drüber saugen! Und die Stelle muss auch nochmal! Was ist denn das, ein Sockenfussel? Eliminiert! Und dort, da liegt ja noch ein Achtel Salzstange! Ausgelöscht! Ach Staubsaugen, du angenehmer Zeitvertreib.

Das bevorstehende Wochenende und die damit verbundene Fahrt in die Heimat lassen mich neue Hoffnung schöpfen. Umzug, Soccerhalle, Abschiedsfeier: An Beschäftigung wird es mir sicherlich nicht mangeln, denke ich mir. Und siehe da: Samstag und Sonntag vergehen wie im Flug. Zumindest bis 22 Uhr. Dann Minuten runterzählen…

Nichtsdestotrotz hat bekanntlich alles ein Ende, bis auf… sparen wir uns das. Als die Uhr dann Mitternacht schlägt, halte ich für einen kurzen Moment inne. Warum sollte ich denn jetzt um 0 Uhr ins Internet gehen? Ich habe es eine ganze Woche ausgehalten, ohne dieses, wie heißt das gleich noch, Intra… Imter…

Ich genieße diesen Moment des Ruhmes, den Beweis, dass ich meiner größten Sucht nun wie ein Lama ins Gesicht rotzen kann, um ihr dann zu sagen: Wer bist du schon, ich brauche dich nicht, und wenn ich wollen würde, dann wärst du für mich für alle Zeiten gestorben!

Um 0:01 schalte ich mein W-LAN an. 644 neue Nachrichten. Dann mache ich die Augen zu. Ich blinzle kurz, reibe mir die Müdigkeit aus den Augen und begebe mich ganz in meine heißgeliebte Welt des Internets.


NACHGEFRAGT
Eine Woche nach dem Experiment haben wir beim Autor nachgefragt, was das Experiment gebracht hat.
Hat sich seit deiner Offline-Woche hinsichtlich Internetnutzung etwas verändert?
Die ersten Tage nach Ende des Experiments waren auf jeden Fall mit mehr Glücksgefühlen versehen als sonst — es mag übertrieben klingen, aber ich wusste es wirklich zu schätzen, per Knopfdruck direkt zu wissen, was gerade so abgeht. Mit ein wenig mehr Abstand muss ich aber sagen: Es ist alles, wirklich alles beim Alten geblieben. Ich bin immer noch der „Internet-Suchti“, und wenn ich ehrlich bin: Solange ich Surfen kann, wann und wo ich will, ist mir dieser Titel auch absolut wurscht.
Was war im Nachhinein dein Höhepunkt und was dein Tiefpunkt aus diesem Experiment?
Die Höhepunkte lassen sich unübertrieben an einer Hand abzählen. Einer davon war definitiv das Gefühl der Freude bei Telefonaten mit mir nahestehenden Personen. Tiefpunkt war sicherlich meine niedrige Frustrationsschwelle nach dem zweiten und dritten Tag. Da wurde mir auch bewusst, dass der Begriff „Abhängigkeit“ gar nicht so übertrieben ist wie anfangs angenommen.
Könntest du dir ein Leben ohne Internet noch vorstellen?
Die Frage ist doch: Möchte ich mir dauerhaft die Möglichkeit nehmen, immer auf dem neuesten Stand zu sein? Möchte ich immer alles am nächsten Tag in der Zeitung lesen, obwohl ich die Chance habe, durch einen einfachen Klick sofort top-informiert zu sein? Nein, das ist für mich unvorstellbar.
Interview: Daniel Höly

Daniel Wien (21) ist begeisterter Langschläfer und liebt Poetry Slams. Neben seiner angehenden Karriere als Amateurfußballer studiert er zurzeit BWL an der Uni Siegen.


Dieser Artikel erschien zuerst in der gedruckten SHIFT-Ausgabe Vol. 1.


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