Ich geh dann mal kehren

Bild: Rigel, CC-BY 2.0

Gegen Frieden, Wohlstand und faire Arbeitsbedingungen hat vermutlich niemand etwas einzuwenden. Aber auf den Luxusurlaub, Flatscreen und Zweitwagen möchte trotzdem kaum jemand verzichten. Ein Kommentar darüber, wie unser Reichtum mit der Armut anderer zusammenhängt.

Die Frage „Wie viel ist genug?“ kann nicht allgemein beantwortet werden. Die Antwort ist immer relativ, ein Spiegel der eigenen Perspektive, Erfahrungen und Ansprüche. Während ein Großteil meiner Generation heute der Meinung ist, genug hätten sie erst, wenn ein Auto, ein Haus und mindestens zwei Urlaube im Jahr gesichert sind, können meine Großeltern darüber sicher nur den Kopf schütteln. Als sie in unserem Alter waren, herrschte Krieg. Bei bitterer Kälte, ohne passende Kleidung und oft unter Hunger schufteten sie zehn Jahre lang in einem Arbeitslager in Sibirien. Aus heutiger Sicht würden wir sagen: Sie hatten nichts. Doch auch dieses Nichts reichte. Sie sind heute 86 Jahre alt, haben drei Kinder, zehn Enkel, drei Urenkel — und ein eigenes Reihenhaus. Genügt es jedoch zu überleben, mit dem Leben davon zu kommen?

Die Antwort auf die Frage „Wie viel ist genug?“ hängt auch — vielleicht sogar wesentlich — davon ab, ob ich sie für mich selbst oder in Bezug auf jemand anderen beantworte. Für mich selbst bin ich selten der Meinung, dass ich genug habe. Ganz im Gegenteil: Immer fehlt irgendetwas, immer strebe ich nach mehr. Der Mensch ist gierig und unersättlich, das lässt sich unschwer erkennen. Unsere Meere sind leergefischt, unsere Kleiderschränke fassen mehr Kleidungsstücke als wir tragen können, unsere Müllberge wachsen ins unermessliche. Maßvoll zu konsumieren scheint eine der großen Herausforderungen unserer Zeit zu sein. Und wenn ich es schaffe keine Lebensmittel wegzuschmeißen, nur zwei Mal die Woche Fleisch zu essen oder fair produzierte Kleidung zu kaufen, rühme ich mich guten Gewissens ein Gutmensch zu sein. Aber wer von uns macht sich bewusst, dass unsere persönliche Entscheidung darüber, wie viel genug ist, sehr oft gleichzeitig ein Urteil darüber ist, wie viel für andere genug zu sein hat?

Irgendjemand bezahlt immer

Freudig preisen wir, die jungen Wilden, das glorreiche Zeitalter der globalen Vernetzung, wann immer sich die Gelegenheit dafür ergibt. Und ohne die Vorteile der Globalisierung und der Technologie, die diese ermöglicht, verkennen zu wollen: All das hat dazu geführt, dass meine Entscheidungen und mein Handeln unweigerlich Auswirkungen auf Menschen am anderen Ende der Erdkugel haben. Das nicht anzuerkennen, ist schlicht naiv und egoistisch. Mein Konsum, mein Kaufverhalten, mein „Lifestyle“ ist keine Entscheidung, die nur mich betrifft. Sie hat direkte Auswirkungen auf andere Menschen. Während ich mich darüber freue, für wenig Geld die Luxusartikel unserer Zeit zu erstehen — 5-Euro Oberteile, den Lachs für 1,49 Euro im Discounter, das Smartphone für 1 Euro zzgl. 24-Monate-Knebelvertrag oder den All-Inclusive-Urlaub für 260 Euro –, muss ich mir gleichzeitig bewusst machen: Irgendjemand bezahlt immer. Bei einem derartigen Lebensstil lautstark die unmenschlichen Arbeitsbedingungen in Textilfabriken Bangladeschs oder auf Kakaoplantagen in Lateinamerika anzuprangern, ist geradezu zynisch.

Die Frage nach dem Genug fragt also auch, welchen Wert ich dem anderen zumesse. Eine Frage, die in unserer vom Individualismus geprägten westlichen Gesellschaft gerne übergangen wird — auch, weil wir wissen, dass, würden wir sie ehrlich beantworten, dies zu einem Umdenken führen müsste. Jeder ist sich selbst der Nächste und in erster Linie seines eigenen Glückes Schmied. Von klein auf wird uns eingetrichtert, dass wir uns durchsetzen müssen — notfalls auch auf Kosten anderer –, wenn wir es jemals zu etwas bringen wollen. Spätestens mit dem Berufseinstieg ist klar: Wer mit dem Lebensstandard der anderen mithalten möchte, muss nach den gleichen Regeln spielen — und diese sind nun mal nicht gerade von Rücksichtnahme und Nächstenliebe getränkt. Dass wissen wir. Und doch sagen wir mit jeder unserer Entscheidungen: Mein Luxusurlaub, mein Flatscreen und mein Zweitwagen sind mir wichtiger. Wichtiger als deine Grundbedürfnisse, wichtiger als humane Arbeitsbedingungen, wichtiger als ein friedliches Miteinander — denn wo Ungerechtigkeit groß und größer wird, wächst unweigerlich auch Unfriede. Doch warum diese Selbstzentriertheit? Warum diese Rücksichtslosigkeit gegenüber den Bedürfnissen des Anderen?

Kein Menschsein ohne den anderen

Vielleicht, weil wir überzeugt sind, dass Luxus, dass Haben, uns Glück und Zufriedenheit bringt. Davon sind wir so sehr überzeugt, dass wir unser ganzes Leben dem Streben nach diesem materiellen Glück opfern. Immer in der Hoffnung, unseren Hunger nach Besitz, nach Reichtum und der damit verbunden Anerkennung zu stillen. Doch es ist nicht der Besitz an sich, der uns trügerisch großes Glück verspricht während er uns gleichzeitig zu selbstzentrierten Getriebenen macht. Es ist unser Umgang mit materiellen Gütern, mit Geld und Wohlstand, der entscheidend ist.

Der südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu hat einmal gesagt: „Ein Mensch wird durch einen anderen Menschen zum Menschen.“ Das bedeutet: Mein Menschsein ist mit deinem Menschsein untrennbar verbunden. Ich kann mein Leben nicht für mich allein leben. Es wird immer Auswirkungen auf das Menschsein der anderen haben. Und so ist es auch meine Entscheidung, ob ich durch meinen Konsum, meinen Besitz und meinen Wohlstand anderen weiterhin ein menschenwürdiges Leben gewähre oder mich nur um mich selbst drehe und dann mit meinen Reichtümern, aber womöglich einsam zurückbleibe. Es ist ein Drahtseilakt. Aber die Sorge um den Nächsten ist auch ein Ausdruck dessen, dass ich mein Leben als Teil einer Gemeinschaft erkenne. Dass ich erkenne: Ich kann nur ein menschenwürdiges Leben führen, wenn ich dieses Recht auch anderen einräume. Ich weiß, das ist leichter gesagt, als getan. Daher gehe ich jetzt erst einmal kehren — vor der eigenen Haustür.


Debora Höly (30) ist freie Journalistin. Sie hat in ihrem Heimatland Paraguay die Auswirkungen der globalisierten Weltwirtschaft hautnah miterlebt. Seit elf Jahren wohnt sie nun auf der anderen Seite des Globus und hinterfragt ihren Konsum umso kritischer.


Dieser Artikel erschien zuerst in der gedruckten SHIFT-Ausgabe Vol. 2.


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