„Ich mag es nicht, wenn Leute im Konsumrausch leben“

Simon Rolfes galt unter Fußballern schon mal als Sparfuchs. Und in der Tat steckt der langjährige Kapitän von Bayer Leverkusen sein Geld lieber in sichere Anlagen statt in teure Hobbys. Ein Gespräch über fette Autos, unmoralische Angebote und 19-jährige Millionäre.


Herr Rolfes, was für ein Auto fahren Sie eigentlich?

Einen Audi Q5.

Bei einem Fußballer würde man ja eher einen Porsche oder Maserati erwarten. Sie aber gelten als Sparfuchs.

Ich wusste, dass das jetzt kommt. (lacht) Ich denke, dass man auch als Fußballer durchaus auf seinen Lebensstil achten kann. Es geht nicht darum, in Armut zu leben, man darf sich natürlich auch Wünsche und Träume erfüllen. Das ist völlig in Ordnung, dafür lebt man ja auch ein bisschen. Aber ich mag es nicht, wenn Leute im Konsumrausch leben, wenn man nur das macht, was andere auch machen.

Welche Träume haben Sie sich von Ihrem Fußballergehalt erfüllt?

Zum Beispiel ein schönes Zuhause.

Und was wäre daran verwerflich, wenn der 19-jährige Fußballer vom Porsche träumt?

Verwerflich, nein, das ist nicht verwerflich! Er sollte nur vernünftig mit seinem Geld umgehen. Ob so ein Auto schon mit 18, 19 sein muss, das ist die Frage. Den Traum kann man sich auch ein paar Jahre später erfüllen. Dieser Weitblick ist aber schwer, wenn man so jung ist. Durch Verletzungen kann die Karriere zu jeder Zeit plötzlich vorbei sein. Und so ein Gehalt ist natürlich außergewöhnlich.

Sind Sie wirklich so sparsam?

Sparfuchs ist ein wenig überzeichnet. Aber dass ich auf mein Geld achte und bewusst handle, stimmt auf jeden Fall. Das heißt nicht, dass ich kein schönes Leben führe. Aber man muss es ja nicht immer bis zum Letzten ausreizen.

Rolfes’ Rat war in der Mannschaft gefragt

Mussten Sie sich in der Mannschaft trotzdem manchmal Sprüche anhören?

Nein, das nicht. Ich gehörte ja zu den Älteren, hatte schon ein bisschen Erfahrung. Die Jungen waren eher dankbar für den einen oder anderen Ratschlag, als dass sie mich für so etwas hochgenommen hätten.

Was haben Sie den Jungs raten können?

Ich habe ja keine Liste mitgebracht und gesagt: Macht dies und das. Es ist aber vernünftig, nicht immer nach der Gruppendynamik zu handeln. Junge Spieler sind häufig unsicher, orientieren sich an anderen. Da muss man sie bestärken, ihren eigenen Weg zu gehen.

Was halten Sie davon, wenn 15-Jährige Verträge bekommen und 19-Jährige Millionen verdienen?

So ist eben der Markt. Der Fußball weckt ein unglaubliches, weltweites Interesse. Da ist halt viel Geld im Spiel.

Haben Sie zum Karriereende auch ein unmoralisches Angebot aus Katar oder den USA bekommen?

Nein, weil ich mein Karriereende relativ früh und überraschend angekündigt habe. Deswegen gab es diese Angebote gar nicht. Aber auf mittelmäßigem Niveau versuchen, die Karriere zu verlängern, das hatte ich eh von vornherein ausgeschlossen. Das ist mit Sicherheit lukrativ, aber mir hätte es keine Freude bereitet, zu sehen, wie man leistungsmäßig so langsam dahinsiecht.

Sie haben mit 33 schon aufgehört. Manch einer hängt da noch fünf Jahre dran.

Ich glaube nicht, dass es noch fünf Jahre auf absolutem Topniveau gegangen wäre. Und mir war schon immer klar, dass ich aufhören will, wenn ich noch gesund und leistungsfähig bin. Nicht erst, wenn ich nur noch auf der Bank sitze. Jetzt war einfach ein guter Zeitpunkt.

Mit Silbermünzen fing alles an

Es heißt, sie hätten schon früh angefangen, Ihr Geld anzulegen. Für einen Fußballer ist das eher untypisch. Wie kam es dazu?

Das Geld auf dem Sparbuch zu haben, fand ich immer langweilig. Irgendwann habe ich angefangen, Zehn-Mark-Silbermünzen zu sammeln, zum Beispiel von den olympischen Spielen 1972 in München. Ich fand es spannend, dass man etwas zuhause hat und nicht nur auf dem Papier. Um das Jahr 2000 gab es dann den „Neuen Markt“ (Börsensegment, bei dem in Internetfirmen investiert wurde, Anm. d. Red.). Da sagte mein älterer Bruder zu mir: Komm, da versuchen wir auch unser Glück. Das ist dann total gecrasht — erst ging es wahnsinnig nach oben und dann rasant nach unten. Das war ein schönes Lehrbeispiel dafür, dass es darauf ankommt, was man kauft. Denn das waren neue IT-Unternehmen, die gut aussahen, aber noch überhaupt kein reales Geschäftsmodell besaßen.

Haben Sie Spieler kennengelernt, bei denen am Ende der Karriere nichts vom Profigehalt mehr übrig ist?

Das ist sicher mehr Ausnahme als Regel, aber das gibt es auf jeden Fall. Oder dass ein paar Jahre nach Karriereende alles weg ist. Deswegen ist es wichtig, dass man ein paar Grundsätze einhält. Dass man weiß, wo das Geld angelegt ist. Dass man darauf zugreifen kann. Dass man keine Schulden hat. Ich denke aber, dass das kein fußballspezifisches Problem ist. Ein 25-Jähriger, der studiert hat, macht sich über Geldanlage auch keine Gedanken. Nur dass beim Fußballer, wenn er Mitte 30 und gereift ist, die Einnahmequelle versiegt.

Junge Spieler müssen gut beraten werden, findet Rolfes

Wie kann es passieren, dass man all seine Millionen in ein paar Jahren verjubelt?

Wenn man einen hohen Lebensstandard hat und außer den Erträgen keine weiteren Einkünfte erzielt, geht man bald ans Kapital. Wenn man dann vielleicht noch sein Geld schlecht anlegt und damit Verlust macht, kann es schnell eine Abwärtsspirale geben. Da gibt es immer schöne Prospekte, die einem viel versprechen, bei denen aber viele gar nicht wissen, was sie da genau unterschreiben. Deswegen müssen junge Spieler in dieser Hinsicht gut beraten werden.

Das wollen Sie künftig mit ihrer eigenen Agentur auch tun. Was genau haben Sie vor?

Ich bringe mich mit meiner Sportkompetenz ein und mein Partner Markus Elsässer mit seiner Erfahrung und dem Know-how aus der Wirtschaft und dem Finanzbereich. Wir wollen den Spielern helfen, dass sie nicht nur eine gute Sportkarriere haben, sondern auch eine gute Karriere danach. Dass sie ein aufgeräumtes Leben führen und ihr Kapital nicht nur als Beschäftigungstherapie nutzen, sondern dass es ihnen Sicherheit bietet, nach dem Fußball Neues zu gestalten.

Nun gelten Spielerberater ja gemeinhin als diejenigen, die vor allem ordentlich mitkassieren. Wollen Sie da einen Gegenpol bilden?

Wir wollen vor allem langfristig dahinter stehen. Das normale Geschäftsmodell der Berater ist, dass die Zusammenarbeit mit Auslaufen des letzten Spielervertrags endet. Wir wollen den Sportler auch darüber hinaus unterstützen.

Versucht, vieles selbst zu machen

Wurden Sie denn auch gut beraten?

Ich habe immer versucht, viele Dinge selbst zu machen, auch wenn ich einen Berater hatte. Als es zum Beispiel in Bremen nicht so lief, habe ich Extratraining gemacht und an meinen Schwächen gearbeitet. Was sich auszahlte: Sehr schnell lief es wieder besser. Auch beim Thema Finanzen habe ich viel gelesen und mir selbst Know-how angeeignet, um dann an den richtigen Experten zu gelangen.

Im Frühjahr endete Ihre Karriere, nun legen Sie gleich mit der Agentur los. Sie hätten ja auch erst mal ein paar Jahre die Füße hochlegen können.

Ich glaube nicht, dass es gut ist, wenn man drei Jahre die Füße hochlegt. Ich habe jetzt auch mal zwei Monate einen Break gemacht und die Zeit für die Familie genutzt. Aber wenn man 15 Jahre lang extrem auf Leistung gedrillt ist und dann drei Jahre nichts macht — ich glaube, das würde auch der Seele nicht gut tun. Man muss Dinge machen, die einem Spaß machen. Nicht der alten Zeit nachtrauern, sondern einfach mal was Neues gestalten.

Haben Sie schon Klienten für Ihre neue Agentur?

Zum Ende der Saison haben wir das ein oder andere Gespräch geführt, aber ich war ja noch voll im Profifußball drin und hatte nicht viel Zeit, mich groß um meinen neuen Job zu kümmern. Von daher starten wir das jetzt langsam und werden dann auch die ersten Projekte angehen.

Was genau haben Sie da im Kopf?

Das werde ich jetzt ganz bestimmt nicht verraten. (lacht)


Es war ein tränenreicher Abschied: Am 23. Mai 2015 bestritt Simon Rolfes (33) sein letztes Bundesligaspiel für Bayer Leverkusen. Genau zehn Jahre hatte der Mittelfeldspieler das Trikot der Werkself getragen, davon lange Zeit als Kapitän. Für die deutsche Nationalmannschaft bestritt Rolfes 26 Länderspiele, davon zwei bei der Europameisterschaft 2008 in Polen und der Ukraine. Gemeinsam mit dem Finanzexperten Markus Elsässer betreibt er heute die Agentur Rolfes & Elsässer — The Career Company.

Manuel Schubert (24) wohnt in der Nähe von Frankfurt und arbeitet dort als freier Sportjournalist. Er versteht bis heute nicht, was Bundestrainer Joachim Löw gegen Simon Rolfes hatte.


Dieser Artikel erschien zuerst in der gedruckten SHIFT-Ausgabe Vol. 2.


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