Impfstoff gegen Armut

Der Lack der deutschen Ingenieurkunst ist seit VWs Abgasskandal endgültig angekratzt und auch die deutschen Bildungseinrichtungen, sind schon lange mit Rostbeulen übersät. Die PISA-Studien belegen das. Zeit also über den Tellerrand zu schauen — beispielsweise nach Südkorea.

Über 70 Schüler pro Klasse und über zehn Klassen pro Jahrgang. Das war die übliche Kapazität einer Grundschule Anfang der 1980er Jahre in Seoul. In einer dieser Schulen lernte ich das Lesen und Schreiben, Rechnen, Sachkunde, Sport, Kunst, Musik aber auch Moral und Disziplin. In den kalten Monaten mussten einige Schüler die zugeteilte Kohle vor Beginn des Unterrichts in die Klasse tragen und den Ofen anzünden, nach dem Unterricht säuberten alle das Klassenzimmer. Jeder Schüler hatte großen Respekt vor den Lehrern — und das nicht nur, weil sie mit harten Bambusstockhieben diejenigen Schüler bestraften, die die Hausaufgabe nicht gemacht hatten.

Mit zwölf Jahren in Deutschland angekommen, ging ich in eine Klasse mit zirka 20 Schülern und jeder Jahrgang hatte nur zwei oder drei Klassen. Die Schüler mussten weder heizen noch putzen. Auch gab es keine Stockhiebe von den Lehrern — höchstens einen Tadel oder Vermerk im Klassenbuch, wenn jemand die Hausaufgabe nicht gemacht hatte. In der weiterführenden Schule musste ich sogar erfahren, dass einige Schüler den Unterricht so störten, dass eine Lehrerin nicht weiter unterrichten konnte. Ich erlebte hautnah, dass die Schulsysteme in Südkorea und Deutschland völlig unterschiedlich waren — nicht nur die Abläufe, sondern auch die Einstellung der Schüler zu den Lehrern und zur Bildung.

Dann kam im Jahr 2001 das Programm zur internationalen Schülerbewertung, kurz PISA. Unerwartet lagen im ersten PISA-Test die Ergebnisse deutscher Schüler in allen drei Kategorien (Lesekompetenz, mathematische sowie naturwissenschaftliche Grundausbildung) hinter dem OECD-Durchschnitt. Das war nicht nur ein Schock für die verantwortlichen Bildungspolitiker, sondern auch ein Weckruf für die ganze Gesellschaft. Für die Verantwortlichen war klar, dass sich etwas ändern musste. Auffällig war in der Studie außerdem die gute Platzierung der Ostasiaten, insbesondere die der südkoreanischen Schüler.

Es gab viele Erklärungsversuche für dieses überraschende Ergebnis: Die vielen Kinder mit Migrationshintergrund würden hinterherhinken. Sie würden weder gesondert gefördert, noch von ihren Eltern intensiv unterstützt. Die Anzahl der Unterrichtsstunden sei zu gering, man brauche Ganztagsschulen. Hauptschulen müssten abgeschafft werden, die Selektion nach vier Schuljahren sei zu früh. Außerdem seien die Bildungseinrichtungen marode und es gäbe zu wenige Lehrkräfte. Auch die Studie selbst wurde kritisiert.

Wo ist das Problem?

Um einige dieser Erklärungsversuche zu diskutieren, lohnt sich der Ländervergleich: In Südkorea werden einem Bürger per Verfassung vier Pflichten angeordnet: der Wehrdienst (bei Männern), die Arbeit, die Entrichtung von Steuern sowie die Bildung. Zudem wird aufgrund der konfuzianischen Tradition die Bildung als ein wichtiges Gut angesehen.

Die Lehrer und die Professoren werden von Schülern, Studenten und Eltern in Höflichkeitsform (-nim am Ende) angeredet und genießen generell ein hohes Ansehen in der Gesellschaft. In Deutschland hingegen haben es Lehrer nicht so leicht. Zwar genießen sie gewisse Privilegien und haben als Beamte einen Sonderstatus hinsichtlich der Arbeitsplatzsicherheit und des Einkommens. Schwer haben sie es trotzdem — weil sie von der Gesellschaft nicht genügend geachtet werden. Doch das Bildungsproblem der deutschen Schüler allein auf die Lehrer abzuwälzen, wäre viel zu einfach.

Nach dem PISA-Schock wurde in Deutschland häufig auch die Selektion nach der vierten Klasse kritisiert. Diese frühe Trennung bewirkt, dass die Karrierechancen des Kindes zu früh entschieden werden. In der Tat zählt Deutschland mit Österreich zu den einzigen Staaten mit einer solchen Schulstruktur, in der bereits so früh eine Trennung der Schüler in die weiterführenden Schulen vorgesehen ist. In anderen Ländern erfolgt der Übergang zu weiterführenden Schulen erst nach fünf oder nach sechs Jahren. So hat Südkorea eine 6–3–3–4-Struktur, das heißt nach sechs Jahren Grundschule folgen drei Jahre Mittelschule, drei Jahre Oberschule und schließlich vier Jahre Studium.

Oder liegt das Problem vielleicht in der föderalistischen Struktur Deutschlands? Bildung ist hier bekanntlich Ländersache. Die Lehrer in den verschiedenen Bundesländern bekommen keine einheitlichen Rahmenlehrpläne. Nach langen Verhandlungen sollen erst im Jahr 2017 die Abiturprüfungen in Hauptfächern vereinheitlicht werden. Die naturwissenschaftlichen Fächer sollen später folgen. In Südkorea ist das Bildungssystem hingegen zentralistisch organisiert. Nicht nur die Lehrpläne sind einheitlich, sondern auch die Abschlussprüfungen. Dadurch ist eine bessere Vergleichbarkeit gegeben. Ein weiterer Vorteil der zentralistischen Organisation ist die rasche Umsetzung von Neuerungen, Vorgaben und Entscheidungen.

Bildungsverrückte Eltern und bemitleidenswerte Schüler

Doch auch in Südkorea ist nicht alles eitel Sonnenschein: Als ich in Südkorea zur Schule ging, fragten meine koreanischen Verwandten bei jedem Besuch, ob ich fleißig gelernt hätte und sagten zum Abschied, dass ich weiter fleißig lernen solle. In Deutschland hingegen fragen die Erwachsenen die Kinder eher nach dem allgemeinen Wohlbefinden. Diese simple Gegenüberstellung sagt meiner Ansicht nach sehr viel über die gesellschaftlichen Einstellungen beider Kulturen aus. In Südkorea, wo es überall sehr wettbewerbsorientiert zugeht, ist das Vorankommen des Einzelnen für die Familie sehr wichtig. Unter den OECD-Staaten arbeiten die Südkoreaner am zweitlängsten, gehören aber gleichzeitig zu den unglücklichsten Menschen. Das sollte der Gesellschaft in Südkorea zu denken geben.

Ohne ein Hochschulstudium hat man in Südkorea kaum Chancen, eine gut bezahlte Stelle zu bekommen. Besonders begehrt ist daher ein Abschluss an einer der drei Elite-Universitäten. Wie ein fliehendes Pferd sehen die Eltern daher die einzige Lösung darin, aufopferungsvoll alles in ihre Kinder zu investieren — in der Hoffnung, dass diese es im Leben weit bringen und so die ganze Familie irgendwann die Ernte einfahren kann. Daher geben sie sehr viel Geld für die Bildung ihrer Kinder aus. und verzichten auf einen Urlaub oder Luxusgüter. Richtig teuer wird es für die Eltern, wenn sie die Kinder in private Schulen und später auf private Universitäten schicken. Weniger wohlhabende Eltern sind dann auf Kredite angewiesen, was einer der Gründe für die hohe Privatverschuldung ist.

Ein Problem in Südkorea ist auch, dass die Schüler es mit dem Lernen übertreiben. Viele Schüler sind daher übermüdet und nicken während der Unterrichtsstunden ein — richtig gelernt wird schließlich sowieso abends in den Hagwons. Der Druck der Familien, der auf den Schülern lastet, ist enorm. Kein Wunder, dass die Suizidrate unter ihnen besonders hoch ist: Während zwischen 2000 und 2010 die Suizidrate der zehn bis 24-Jährigen im OECD-Durchschnitt gesunken ist, ist sie in Südkorea um über 50 Prozent gestiegen. Ein Fall überschatte bis heute das ganze Land: 2011 wurde bekannt, dass ein Schüler seine herrschsüchtige Mutter umbrachte, weil er mit dem enormen Druck nicht fertig wurde.

Deutsche Eltern hingegen wollen gar nicht, dass ihre Kinder die ganze Zeit vor den Büchern sitzen. Nicht selten habe ich gehört, dass die Kinder von ihren Eltern aufgefordert wurden, nach draußen zu gehen und zu spielen. Zugegeben, viele Kinder saßen dann auch nicht vor den Büchern, sondern eher vor dem Fernseher oder Computer. Für deutsche Kinder ist die schulische Verpflichtung meist dann erledigt, wenn sie die Hausaufgaben gemacht haben. Nur wenn Prüfungen anstehen, wird gebüffelt.

Der übliche Tagesablauf eines Schülers in Südkorea sieht so aus: Nach dem regulären Unterricht, der zwischen 7:30 und 8 Uhr beginnt und zwischen 16 und 17 Uhr endet, ist erst einmal Putzdienstangesagt. Und auch dann ist noch nicht Schluss. Die Lehrer sind zwar nicht mehr da, aber viele Schüler bleiben noch zum Selbststudium in der Schule. Nach dem Abendessen gehen die meisten der Schüler in die Hagwons, in denen das Erlernte noch einmal vertieft wird. Früher war es üblich, dass die Schüler bis 24 Uhr oder später in den Hagwons gelernt haben. Mittlerweile ist ein Hagwon-Betrieb nach 22 Uhr gesetzlich nicht mehr erlaubt. Die Kinder mussten früher also mit einem Schlafpensum von vier bis fünf Stunden pro Tag auskommen –kein Wunder, dass so viele Schüler und Studenten müde waren.

Selbst in den Schulferien verreisen die wenigsten mit den Eltern ins Ausland, was in Deutschland mehr oder weniger gängig ist. Manche Kinder werden in Bootcamps oder in ganztägige Englischschulen gesteckt, um weiter an ihrer Bildung zu arbeiten.

Alle können voneinander lernen

Südkorea gehörte nach dem Koreakrieg zu den ärmsten Ländern der Welt. Seit Anfang der 1960er Jahre hat die Nation eine Aufholjagd zurückgelegt, die weltweit einzigartig ist. Das Bruttoinlandsprodukt Südkoreas stieg seit dieser Zeit um sage und schreibe 50.000 Prozent. Die dynamische Entwicklung des Landes geht so schnell, dass es manchen Experten schwerfällt das Land richtig zu klassifizieren. Selbst sie sind sich nicht einig, ob Südkorea noch zu den Schwellenländern oder bereits zu den Industrienationen gezählt werden sollte. Die gute Bildung der Bürger in Südkorea hat wie ein „Impfstoff gegen Armut“ gewirkt, wie es die US-Amerikanische Journalistin Amanda Ripley in ihrem Buch The Smartest Kids in the World: And How They Got That Way trefflich formulierte, und zweifelsohne maßgeblich zum schnellen wirtschaftlichen Aufstieg des Landes beigetragen.

Der US-amerikanische Austauschschüler Eric beschreibt in Ripleys Buch, dass US-amerikanische Eltern wie Cheerleader seien, die ihre Kinder anfeuerten, aber südkoreanischen Eltern wie Trainer, die ihre Kinder zu mehr Leistung drillten. Meiner Ansicht nach scheinen die deutschen Eltern die Rolle der Zuschauer eingenommen zu haben. Sie geben den Kindern viel Freiraum. Der Freiraum allerdings wird nicht von allen Jugendlichen sinnvoll genutzt.

Pisa spiegelt Realität

Die PISA-Studien sind nicht perfekt. Das bestreiten auch die Verantwortlichen der PISA-Studien nicht. Und sie machen in Bezug auf die sozialen Kompetenzen der Schüler keinerlei Aussagen. Die Kritiker der PISA-Studien sollten aber wissen, dass diese Ergebnisse keine Zufallsergebnisse sind. In ihnen spiegeln sich tatsächlich Mühe und Fleiß der Schüler wider. Es ist auch kein Zufall, dass an den Elite-Universitäten (Beispiel: Stanford) in den USA so viele Ostasiaten studieren.

Daher wäre es unsinnig, die PISA-Studien gänzlich in Frage zu stellen. PISA hat aufgezeigt, dass Deutschland Defizite hat. Wie die vergangenen Studien gezeigt haben, hat sich die Situation leicht verbessert. Und das hat meiner Meinung nach eindeutige Ursachen: Die Schüler gehen durchschnittlich länger in die Schule und die Länder und der Bund haben die Bildungsausgaben stetig erhöht. Ob die verlängerte Schulzeit alleiniger Grund ist, kann zwar nicht gesagt werden, aber es ist wohl anzunehmen, dass dadurch ein Beitrag geleistet wurde. Viel wichtiger ist aber, dass die Gesellschaft einsieht, dass Bildung nicht alleinige Aufgabe des Staates ist, sondern die Aufgabe des Einzelnen.

Ist das südkoreanische Beispiel so gut, dass wir es eins zu eins übernehmen sollten? Nein! Aber wir können uns die positiven Aspekte von den Südkoreanern abschauen. Südkorea hat gezeigt, dass mit Willenskraft, Mut und Ausdauer vieles möglich ist. Einige Deutsche wissen nicht, dass die Südkoreaner sie bewundern und vieles von ihnen gelernt haben. Warum sollten wir uns also nicht auch einmal etwas von den Südkoreanern abschauen?

Trotzdem haben die übertrieben ehrgeizigen Ziele der südkoreanischen Eltern für ihre Kinder viele Schüler zu laufenden „Zombies“ gemacht, die zwischen Schulen und Hagwons hin- und herpendeln. Es ist nicht nur ineffektiv, wenn sie vor Müdigkeit in den Schulen nicht aufpassen können, sondern es bringt die Kinder emotional kaum weiter, da zu einer Ausbildung nicht nur das fachliche Können zählen sollte, sondern auch der Umgang mit den Menschen. Und darin schneiden nach meiner Erfahrung die deutschen Schüler viel besser ab.


Mirco Daniel (46) interessiert sich sehr für technische Innovationen — und das liegt nicht daran, dass er aus Südkorea stammt. Sein Interesse für seine alte Heimat ist immer noch sehr groß.

Bonustrack

Dieser Artikel ist einer von zehn Bonustracks zur gedruckten SHIFT-Ausgabe Vol. 3.


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