juː ɑː wɒt juː spiːk — wie Sprache unser Leben beeinflusst

Bild: Carina Prunkl

Was passiert, wenn wir durch unsere Aussprache nicht nur unsere regionale Zugehörigkeit, sondern auch unseren gesellschaftlichen Status preisgeben? Wenn unsere Aussprache unsere Karriere und unsere Beziehungen maßgeblich beeinflusst? Großbritannien befindet sich in genau dieser Situation — die politische und soziale Elite lässt sich leicht an ihrem Akzent erkennen. Der Rest bleibt auf der Strecke.

Benedictus, Benedicat per Jesum Christum Dominum Nostrum. Amen. Hätte mir jemand vor ein paar Jahren erzählt, dass ich mich wöchentlich im Abendkleid von einer langen Holztafel erhebe, um stehend einem von robentragenden Greisen vorgetragenem Tischgebet zu lauschen — ich hätte dem- oder derjenigen bestenfalls den Vogel gezeigt. Was vielen wie eine bizarre Szene aus Harry Potter erscheint, ist in Oxford Alltag und üblicher Auftakt der zeremoniellen College-Abendessen. Tradition wird hier großgeschrieben; Abendkleid, Anzug und Robe gehören zum festen Bestandteil der Garderobe.

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Um mich am Tisch wird feinstes Bilderbuchenglisch gesprochen, genauer gesagt Received Pronounciation (RP) oder Oxford English, wie es auch manchmal genannt wird. RP hat ihren Ursprung in britischen Privatinternaten und sich innerhalb der letzten zweihundert Jahre als ein Akzent der Privilegierten, Wohlhabenden, Gebildeten etabliert, als ein Akzent der sozialen und politischen Elite. Egal ob Blair oder Cameron, Labour oder Tory — die führenden Politiker sprechen fast ausschließlich RP, kamen in ihrer Jugend in den Genuss einer privaten Schulbildung. Diese hat durchaus ihren Preis: satte 45.000 Euro darf man für die bekannte Knabenschule Eton pro Schuljahr auf den Tisch blättern und obwohl es mittlerweile auch Stipendiaten unter den Schülern gibt, kann man davon ausgehen, dass die meisten aus wohlhabenden Familienverhältnissen stammen. Der Anteil der Bevölkerung, der eine solche Privatschule besucht oder besucht hat, ist, wie man sich denken kann, äußerst gering. Nichtsdestotrotz: fünf solcher Privatschulen schicken mehr Schüler an die Universitäten nach Oxford und Cambridge, als 2.000 öffentliche Schulen zusammen — eine erschreckende Zahl, die aber hauptsächlich aufgrund ausbleibender Bewerbungen von Schülern aus dem öffentlichen Schulsystem zustande kommt.

Bild: Carina Prunkl

Es ist also nicht unbedingt verwunderlich, dass überall langgezogene „Aaas“ und „Ooos“ durch die Oxforder Straßen tönen und nur wenige regionale Dialekte zu hören sind. Durchaus verwunderlich ist allerdings, dass es anscheinend ausreicht, nur den Mund zu öffnen — und, überspitzt gesagt, sofort jedermann weiß, welche Schule man besucht oder an welcher Universität man studiert hat. Oder eben auch nicht. Wie kann es sein, frage ich mich, dass sich in einer modernen Gesellschaft die soziale Herkunft in einem solchen Ausmaß anhand der Sprache festmachen lässt? Dass regionale Dialekte durch die Bank mit bildungsfernen Elternhäusern assoziiert werden?

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Natürlich ist das noch nicht alles und so zieht sich der rote Faden durch weitere Lebensbereiche. Bewerber in Vorstellungsgesprächen haben beispielsweise bessere Karten, wenn sie ihren Cockney- oder Brummie-Akzent zuhause lassen und ihre Vorzüge stattdessen im reinsten Queen’s English anpreisen. Eine Lehrerin an einer Schule in West Berkshire wurde nach Berichten der BBC offiziell ermahnt, „weniger Cumbrian“ zu sprechen, um die Aussprache ihrer Schüler nicht zu beeinflussen und somit deren Karrierechancen zu mindern. Die enge Verknüpfung zwischen Sprache und beruflichem Erfolg wurde schon vor hundert Jahren von Lerner und Lowe in ihrem Musical My Fair Lady ganz gut auf den Punkt gebracht:

If you spoke as she does, sir,
Instead of the way you do,
Why, you might be selling flowers, too!

Bei aller Empörung, die einem da den Hals hochkriechen mag, wäre es natürlich heuchlerisch von mir zu behaupten, dass die Situation in Deutschland nur Sonnenschein und Rosenwasser ist. Wer ausgeprägt sächselt, hat es auch bei uns wesentlich schwerer, die Karriereleiter zu erklimmen, als jemand, der hochdeutsch spricht. Es gibt auch hier haufenweise Berichte, die Diskriminierung aufgrund regionaler Dialekte aufzeigen und anprangern. Dennoch ist die Situation in Deutschland anders als auf der Insel — Dialekt wird bei uns häufiger als Teil der lokalen Identität verstanden und Slogans wie Baden-Württembergs „Wir können alles. Außer Hochdeutsch.“ zeigen eindrucksvoll, dass man sich zumindest vordergründig für den Lokalkolorit nicht schämt, sondern ihn vielmehr als Symbol der Zugehörigkeit begrüßt.

Bild: Carina Prunkl

In Großbritannien findet eine ähnliche Entwicklung statt, wenn auch deutlich langsamer. In London haben laut einer Umfrage der Dailymail immerhin elf Prozent der Befragten angegeben, sie versuchten weniger „posh“, also weniger vornehm, zu klingen; und auch manch ein Politiker bemüht sich um ein wenig mehr laissez-faire in der Aussprache. Das soll größere Nähe „zum Volk“ herstellen, das sprachliche Aushängeschild der Chancenungleichheit beseitigen. RP klingt einfach nicht sympathisch. Das bestätigt überraschenderweise auch Hollywood: Während sich der Großteil der Filmbesetzung mit amerikanischen Akzenten unterhält, sprechen die gängigen Bösewichte so gut wie immer ein lupenreines Oxford English. Sympathisch oder nicht, in der Praxis ist es selbstverständlich unsinnig, jemandem aufgrund seines Akzents Bösartigkeit oder Arroganz zu unterstellen. Kein Mensch kann etwas für die sozialen Umstände, in denen er aufwächst, und kein Mensch sollte sich daher genötigt fühlen, seine Art zu sprechen aufgrund gesellschaftlicher Stereotypen zu ändern. Das gilt sowohl für diejenigen mit, als auch für diejenigen ohne lokale Sprachfärbung. Was sich in jedem Fall dringend ändern sollte, ist die starke Korrelation zwischen teuren Privatschulen und akademischem bzw. beruflichem Erfolg. Ob Oxford English oder nicht: ein Bildungssystem, in dem der Besuch einer Privatschule ein ausschlaggebendes Karriereelement ist, braucht dringend Reformen.

Unterschiedliche Dialekte

RP: Das r am Ende des Wortes wird nicht ausgesprochen, mother klingt daher wie muhthuh. Zusätzlich werden die Vokale in der Mitte vieler Wörter langezogen, can’t klingt wie cahn’t.

Cockney: Die Vokale in der Wortmitte werden leicht erhöht, cat klingt wie cet. Day klingt ähnlich wie das Amerikanische die, oder in IPA, dæɪ . Das wohl bekannteste Merkmal ist außerdem das Verschlucken vom Doppel-t in der Mitte des Wortes: better klingt wie be’uh.

Brummie (Midlands): Vokale öffnen sich: foot and could werden mit ʊ gesprochen, wie sie auch in fudge oder strut vorkommen. Kurze Vokale wie in kit werden gesprochen wie keet.


Carina Prunkl (28) promoviert in Physik und Philosophie an der University of Oxford und ist nebenher als freie Autorin tätig.

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Dieser Artikel ist einer von zehn Bonustracks zur gedruckten SHIFT-Ausgabe Vol. 3.


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