Leben mit Schnaps, Blut und Tod — Ein Besuch bei Maria

Wir waren in den rumänischen Westkarpaten unterwegs, um Gold- und Kupferminen zu fotografieren. An einem blutroten See beherbergte uns Maria. Als eine der letzten Einwohnerinnen des Dorfes Geamana zeigte sie uns die Auswirkungen des „bösen Wassers“.

„Die Entdeckung des Verborgenen fängt mit dem Sichtbaren an, dem Bild. Nennenswert wird dieses jedoch erst mit dem Blick in die Tiefe. Und wenn dies auch oft eine persönliche Erfahrung ist, so gibt es Funde, die auch für den, der nicht im selben Augenblick sah, wertvoll sind.“

Mit ihrer Gebirgshaut, dieser markanten Nase und dem gebückten Gang, ein wenig mit sich selbst sprechend, weckt Maria sofort Kinderfantasien alter Märchen in mir. Und trotz ihrer etwas ruppigen, lauten Art, spüren wir auch ihre warmherzige und fürsorgliche Seite. Nachdem Lucian, mein rumänischer Freund, und ich auf der Suche nach einem Schlafplatz im Dunkel der Nacht an ihre Tür geklopft hatten, bekommen wir eine warme Linsensuppe, dazu Peperoni, Brot und Schnaps.

Die Minen sind die Hochburgen der einst blühenden und vielleicht auch damals schon bröckelnden, sozialistischen Wirtschaft Rumäniens. Wir treffen auf unserer Reise hauptsächlich alte Leute, sehen viele Friedhöfe, frische Blumen auf den Gräbern, Madonnen in den Kirchen, in den Bussen, in jedem Haus. Man erzählt uns von verstorbenen Verwandten, von Minenunfällen. Jetzt sitzen wir in Marias Wohnung, ein Jesusbild hängt an der Wand, ein Bild ihres Mannes steht auf der Bank. In einem der wenigen bewohnten Häuser nebenan weint eine Mutter bei jedem Telefonanruf — ihr Mann starb vor zwei Wochen. Ihre Tochter ist aus Italien angereist, um sie zu trösten und zu unterstützen.

Bild: David Vogt

Ein Versuch nochmal zu leben

Maria hat keine Kinder. Sie wohnt zur Miete. Ihr Haus im Tal ist längst begraben. 1978 eröffnete der Staat hier Rosia Poieni — eine der größten Kupferminen Europas. Das Dorf Geamana im Tal wurde geflutet und die Einwohner mit einer Entschädigung verabschiedet. Das Geld war viel zu wenig. Und wer keine Familie anderswo hatte, blieb. So wie Maria.

Bild: David Vogt

Der Fernseher flackert ununterbrochen. Es ist ein Versuch, Leben in die Hütte zu bringen (vielleicht wurden wir auch deshalb hier aufgenommen). Es läuft eine Dokumentation über Feldarbeit, Menschen in Trachten. Kartoffeln werden ausgegraben, Kühe gemolken, Heu geschnitten und zu hohen, goldenen Kuppeln aufgeschichtet. Dann versammeln sich alle zur Mahlzeit im Kreis, um eine Decke voller Essen. Es wird getrunken und geredet. Eine junge Frau stimmt ein Volkslied an.

Ich wende mich vom Fernseher ab und gehe nach draußen. Die Sonne erhellt noch den Himmel, doch auf den Bergen herrscht schon das Schweigen der Nacht. In einem kleinen Schuppen zeigt Maria mir die Schweineschwarten, die dort trocknen. Ich denke sie freut sich, dass wir da sind, dass irgendjemand da ist.

Wieder tischt Maria auf. Ich verstehe sie zwar nicht, aber sie versucht mir wohl zu allem etwas zu erklären. Erst Kaffee, dann — natürlich — Schnaps. Sie kocht Eier und holt von irgendwoher Käse. Maria verarbeitet Milch unter anderem zu Käse, den sie an Leute aus Lupsa, einem größeren Ort einige Stunden entfernt, verkauft. Äpfel liegen auf dem Tisch und sie gibt mir einen Becher von ihrem Apfelsaft. Alles ist selbstgemacht. Sie schneidet ein Stück Wurst und Schweinefett ab, das auf der Zunge zergeht. Aus der Schublade unterm Tisch kramt sie ein viertel Stück Schokolade hervor. Dann Tee, aus verschiedenen Tüten, direkt in den Kochtopf. Der Kräuterdampf verwandelt den Raum in eine intensiv duftende Weide. Und Brot. Sie nötigt mich, mit fragend mütterlicher Miene den Schnaps zu trinken. Ich gehorche. Es ist ein wunderbar klarer, süßer Schnaps aus Pflaume — der Standard hierzulande –, aber auch mit Äpfeln und Birnen. Nach einer Minute erst beginnt er den Rachen zu wärmen, zu heizen. Sie schenkt sich selbst ein halbes Glas ein, prostet. Außerdem füttert sie mir einen Esslöffel Zucker mit bitteren Kräutertropfen, die sie selbst auch einnimmt. Für den Kopf, verstehe ich aus ihrer Geste.

Bild: David Vogt

Das böse Wasser

Es ist ein wunderbares altes Haus aus starkem Holz, mit überdachtem Aufgang, Flur und dem Zimmer mit Ofen, in dem alles stattfindet. Im Fernseher sehen wir, wie idyllisch es hier einmal war, bevor die Mine ihre Sulfide und Cyanide ausgoss. Rote Soße, weiße Masse, gelbe Schmiere, alles läuft hinterm Haus vorbei und später in den See. Maria nennt das stete Rinnsal das „böse Wasser“.

Auf ihrem gekachelten Gussstahlofen kocht ununterbrochen Wasser. Die türkisfarbenen Wände ringsherum blättern langsam ab. Maria will neu streichen. Uns gefällt die Ästhetik; aber für Maria ist dies die Zuflucht von dem, was draußen unkontrollierbar passiert: die Kälte, der Dreck, das Wetter. Nicht zuletzt die Mine, die auf der anderen Bergseite tief ins Erdreich vorgedrungen ist und nichts übrig lässt, was natürlich, altbekannt und gewohnt ist — und sich schon am Talende auf dieser Seite langsam aber unausweichlich anpirscht und die Menschen in die Mangel nimmt.

Wir schlafen alle im selben Zimmer. Maria legt sich hin und schläft sofort ein. Es ist ein wenig wie bei Oma übernachten. Ein Gefühl dieser Geborgenheit, die man wohl nur als Kind erlebt, kommt über mich. Der Ofen erlischt in der Nacht. Am Morgen werden die Kühe gemolken. Ihre Hühner scheucht Maria auf eine Wiese neben dem Haus. Die drei Kühe treibt sie bergauf. Denn wenn sie unterhalb vom Wasser trinken, sterben sie, sagt Maria. Das ist nicht verwunderlich. Dort unten wird ein Haus nach dem anderen vom Hang in den blutroten See gezogen.

Am Nachmittag sind wir zu Gast bei Victors Beerdigung. Seine Tochter weint, als sie uns erzählt, dass er in einem Krankenhaus hätte behandelt werden können. Doch auch er blieb seiner Heimat treu, während die Mine sich das Land unter den Nagel riss. Wo einst Getreidefelder standen, klafft nun eine große, unheilbare Wunde.

Der See hat das alte Dorf längst verschlungen. Für die wenigen Alten, die noch hier verweilen und immer weiter den Hügel hochziehen, ihr Land und Vieh an den steigenden See verlieren, ist der Tod allgegenwärtig. Sie haben sich damit abgefunden, dass sie die Letzten hier sein werden. Wir sehen den Tod ständig auf dieser Reise. Irgendwann wird er auch die letzten Bewohner dieses Ortes mitnehmen.

Sie fahren den Sarg im Pritschenwagen an den wenigen Häusern vorbei, halten ein paar Mal an, um zu beten. Der junge Priester schwenkt Weihrauch. Schließlich begraben sie Victor hinter der neuen Kapelle oberhalb des Grenzwegs — bis hierhin darf das Wasser angeblich steigen. Mahnend hebt sich im Tal der alte Kirchturm als letzter Zeigefinger der Erinnerung aus dem See gen Himmel. Hier oben läutet die Glocke. Maria ist nicht bis zum Grab gekommen, sondern bei sich zuhause abgebogen. Sie wird vergessen, so wie es jeder tut, der leben will.


David Vogt (29) ist ein vielgereister, bei Berlin lebender Fotojournalist. Seine Leidenschaft begründet sich im Entdecken. Auf diese fotografische Suche hat er sich schon als Kind gemacht und folgt seither der Spur des Unerzählten.


Dieser Artikel erschien zuerst in der gedruckten SHIFT-Ausgabe Vol. 2.


One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.