Likes statt Liebe


Ob Facebook oder WhatsApp — durch die sozialen Medien bin ich mit meinen Freunden ständig verbunden und kann jederzeit mit meinem sozialen Umfeld interagieren. Doch was ist der Preis der digitalen Community?


Facebook, Smartphone, WhatsApp — ich bin erreichbar — ständig. Was machen meine Freunde, was gibt es Neues? Dazu Nachrichteninhalte, gesponserte Werbung — während ich die Facebookleiste nach unten scrolle, nehme ich pausenlos neue Reize und Inhalte auf. „Horror-Entdeckung, wer wohnt da in der Thunfisch-Dose?“ rätselt N24, „Abendnachrichten: Sprecherin der Schweizer ‚Tagesschau‘ kollabiert in der Sendung“, meldet Spiegel Online. „Verspürst du das Bedürfnis nach mehr Energie, Gesundheit und Wohlbefinden?“, fragt mich eine zwischengeschaltete Werbung. „4 Wege wie Stress unser Gehirn auffrisst“, warnt eine weitere. Ich bin gestresst, zweifellos — und Facebook hat das sogar erkannt. Dazwischen die neusten Updates meiner 290 Freunde. Will ich wirklich wissen, was sie gerade tun oder vorgeben zu tun? Bevor sich mir die Frage überhaupt stellt, weiß ich es bereits.

Nervös starre ich auf mein Smartphone. Warum antwortet er mir nicht auf meine Nachricht, die ich um 12.15 Uhr geschickt hatte? Die Haken sind längst blau, er hat sie gelesen — garantiert. Keine Reaktion. Mein Stresspegel geht bereits Richtung 100. Frustriert klappe ich mein Notebook zu und schalte mein Handy aus.

Isoliert in einer bunten Datenwelt

Keine Frage, ich gehöre zur Social-Media-Generation. Dunkel erinnere ich mich an frühere Zeiten: Ein Leben ohne Smartphone, ohne iPad — und vor allem ohne Facebook. Heute für mich unvorstellbar.

Ich schwimme mitten in einem schillernden Datenmeer, im Sog einer überschwappenden Welle an Reizen. Jede Neuigkeit ist nur einen Klick entfernt, überall abrufbar, immer informiert.

Unser Tag besteht aus Informationen nonstop. Natürlich hat das auch Vorteile. Für mich als Journalistin bedeutet das, ich bin immer auf dem neusten Stand und kann die News quasi live mitverfolgen — und das weltweit.

Aber was ist der Preis? Ich komme mir häufig vor wie in einer Parallelwelt. Was zählt wirklich? Statt einander in die Augen zu sehen, starren wir unentwegt auf den Bildschirm.

Immer auf der Jagd nach Likes

Geht es im Leben nur darum, sich zu inszenieren? Isoliert in einer bunten Datenwelt. Welche Momente sind wichtig? Wie gut ist Facebook für meine Beziehungen? Likes statt Liebe?

Ich bin genervt von der Schnelllebigkeit, der Oberflächlichkeit und der Null-Relevanz der Beiträge. So genervt, dass ich beschließe, meinen Facebook-Account zu deaktivieren. Vorläufig. Es ist ein Experiment, dessen Ausgang ich bereits ahne.

Zu groß ist der Suchtfaktor. Bereits nach einer Woche „Facebook-Entzug“ bekomme ich leicht zittrige Hände, wenn ich auf den Bildschirm schaue. Zu groß ist der Reiz ein Bild zu posten, zu abgeschnitten fühle ich mich von der schönen Welt. Ich vermisse die Flatrate-Kommunikation mit meinen Freunden. Ein bisschen sogar die Werbung, die mir das Gefühl gibt, etwas Besonderes zu sein. Die Neugierde und die Befürchtung etwas zu verpassen, werden mich wieder dorthin treiben. Irgendwann.

Auf Dauer werde ich nicht auskommen ohne das „Big Brother“-Netzwerk — zu viele Informationen und 290 Freunde hängen daran. Willkommen in der Realität. Willkommen bei Facebook.


Annette Sandhop (30) ist manchmal richtig genervt von diesem Facebook. Doch ganz ohne kann sie leider vermutlich auch nicht mehr — allein schon, weil sie von Beruf Journalistin ist.


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