White Ebony — Weißes Ebenholz

Nachgefragt bei Patricia Willocq

Bild: Patricia Willocq/Edition Lammerhuber

Was hat dich dazu motiviert, das Leben von Menschen mit Albinismus in der Demokratischen Republik Kongo zu dokumentieren?

Das Projekt hat sich mehr oder weniger zufällig ergeben, nachdem ich auf den Straßen von Kinshasa mit People with Albinism (PWA, dt. Menschen mit Albinismus) gesprochen hatte. Als ich dann zwei Wochen später erfuhr, dass die UN ihre erste Resolution zum Schutz von PWAs erließ, begann ich im Internet zu dem Thema zu recherchieren. Als ich von den Gräueltaten erfuhr, die PWAs in Afrika widerfahren, beschloss ich ein Fotoprojekt zu starten. Ich hatte festgestellt, dass die meisten Fotoreportagen über PWAs die Opfer dieser Ritualverbrechen abbilden. Deswegen beschloss ich, auf etwas anderes hinzuweisen. Ich wollte Hoffnung machen, indem ich eine positive Fotoreportage realisierte, die zeigt, dass Integration in die Gesellschaft möglich ist und indem ich Liebe, Mut und Würde abbilde.

Wie viel Zeit hast du in dieses Fotoprojekt gesteckt?

Insgesamt etwa ein Jahr.

Wie hat deine Arbeit deine Sicht auf PWAs verändert?

Sie hat dazu beigetragen, dass ich die Probleme des Albinismus in Afrika besser verstanden habe. Aber meine Sicht auf PWAs hat sich nicht so sehr verändert. Als Kind war ich fasziniert von ihnen und fand sie immer wunderschön — das hat sich nicht verändert. Ich denke, meine Bilder zeigen meine Gedanken über sie und ihre Umstände. Sie verdienen es, von der Gesellschaft mit Respekt behandelt zu werden, und das ist es, was ich durch White Ebony zeigen möchte.

Gibt es eine Begegnung oder ein Erlebnis, das dich besonders berührt hat?

Es ist schwer eines herauszupicken, da die Erlebnisse mit allen Familien toll waren. Aber es gibt eine Familie, die mein Herz ganz besonders berührt hat: Die Dibwe-Familie. Sie haben vier Kinder und alle haben Albinismus. Wenn eine Familie so viele Kinder mit Albinismus hat, passiert es oft, dass die Mutter beschuldigt und von ihrem Mann verlassen wird. Aber Guy Dibwe liebt seine Frau und seine Kinder sehr. Auch wenn seine Freunde und Familie ihm oft nahegelegt haben, seine Frau und Kinder zu verlassen, hat Guy sie nie aufgegeben. Ganz im Gegenteil! Guy hat seine Frau und Kinder zum Fressen gern! Auch wenn sie in sehr ärmlichen Verhältnissen leben stellt er sicher, dass das ganze Geld in die Bildung seiner Kinder geht. Du müsstest sehen, wie selbstbewusst und glücklich seine Kinder sind. Mit der Unterstützung ihrer Eltern haben sie es geschafft, ihre Andersartigkeit in ihre Stärke zu verwandeln. Ich bewundere diese Familie wirklich und sie sind für mich ein Vorbild geworden.

Du hast gesagt, dass du davon überzeugt bist, dass ein Bild die Welt verändern kann. Was würdest du mit deinen Bildern gerne verändern?

Der Hauptgrund für dieses Fotoprojekt war, dass ich die Wahrnehmung der afrikanischen Bevölkerung gegenüber PWAs ändern wollte. Ich hatte mit White Ebony auf einem der bekanntesten Plätze in Kinshasa, an dem jeden Tag tausende Menschen vorbeigehen, eine Ausstellung. Die Kongolesen waren sehr neugierig auf meine Bilder von erfolgreichen PWAs wie Salif Keita, Thierry Moungala oder Mwimba Texas. So viele Menschen hielten an und lasen die Texte zu den Bildern. Viele kamen zu mir und stellten mir Fragen zu Albinismus. Ganz plötzlich veränderte sich ihre Wahrnehmung als sie die Bilder von lachenden Kindern sahen, von Menschen, die in die Gesellschaft integriert sind, oder von Menschen, die erfolgreich sind. Ich denke sie haben erkannt, dass PWAs Respekt verdienen — so wie jeder andere auch.

Was war für dich die größte Herausforderung?

Die größte Herausforderung war natürlich, die PWAs zu überzeugen, sich von mir fotografieren zu lassen. Die meisten von ihnen waren etwas skeptisch als sie eine Mundele (weiße Person auf Lingala) mit einer Kamera sahen. Aber ich habe viel Zeit mit jedem von ihnen verbracht. Ich denke die Tatsache, dass ich in Kinshasa geboren und aufgewachsen bin, hat dazu beigetragen, dass sie sich wohler fühlten.

Wie hast du es geschafft, dass die Menschen, die du fotografiert hast, dir vertrauten?

Ich habe mir die Zeit genommen jeden von ihnen kennenzulernen und erklärte ihnen, dass die Bilder Teil eines sozialen Projektes sind, das ich auf die Beine stellen wollte. Dass ich dadurch die Wahrnehmung der Gesellschaft ihnen gegenüber verändern wollte. Diese Idee wurde von allen mit viel Enthusiasmus begrüßt brachte mir ihr Vertrauen ein.


Dieses Buch ist erschienen in der Edition Lammerhuber

Patricia Willocq (1980) ist eine im Kongo geborene belgische Fotografin. Nach ihrem Studium als Übersetzerin und Dolmetscherin begab sie sich auf eine Weltreise, um ihre fotografischen Fähigkeiten auszubauen. In ihren Arbeiten setzt sie sich vor allem für Toleranz und Würde ein. Im September 2015 wurde sie für das beste Foto zum Thema Frieden mit dem Afred Fried Photography Award ausgezeichnet.


Debora Höly (30) stieß auf der Frankfurter Buchmesse auf das Fotobuch „White Ebony“ und war sofort fasziniert von den eindrücklichen Bildern und den Geschichten dahinter.

Bonustrack

Dieser Artikel ist einer von zehn Bonustracks zur gedruckten SHIFT-Ausgabe Vol. 3.


One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.