Oma auf Probe

Warum allein sein, wenn man sein Leben auch teilen kann? Karla Töpfer hat ihren neuen Enkel Pascal über den Großelterndienst kennengelernt. Nun begleitet sie ihn als Wunschoma durchs Leben — und bei den Mathe-Hausaufgaben. Kann das gutgehen?

Bilder: Christine Faget

Mit einer Zeitungsannonce fing es an. Damals, vor sieben Jahren, saß Karla Töpfer allein an dem großen Holztisch im Esszimmer und überlegte. Die gelernte EDV-Administratorin war arbeitslos geworden. Doch nur Hausfrau sein — das reichte der damals 57-Jährigen nicht. „Du musst etwas Sinnvolles tun“, sagte sie sich. Da wurde ihre Aufmerksamkeit von der Anzeige geweckt: Wunschomas gesucht.

Auch jetzt sitzt sie an dem großen Holztisch. Wieder hält sie ein säuberlich ausgeschnittenes Stück Zeitung in der Hand, dieses Mal mit der Überschrift „9–3 : 1/3 + 1 = 1“. Und dieses Mal ist sie nicht allein: Neben ihr brütet Pascal gedankenverloren über seinen Mathe-Hausaufgaben. „Herr Hauck!“, reißt sie den Elfjährigen aus seinen Träumen — so, wie Großmütter ihre Enkelkinder manchmal necken. Denn Pascal ist Karla Töpfers Wunschenkel.

Köpfchen statt Online-Rechner

Die eigenen Kinder und Enkel wohnen inzwischen weit weg. Deshalb folgte Karla Töpfer vor sieben Jahren dem Aufruf in der Zeitung und stellte sich beim Großelterndienst der Leipziger Senioren- und Familienselbsthilfe SEFA e.V. vor. Aus einem Set mit kurzen Steckbriefen suchte sie sich Enkelkind Nummer vier heraus: Pascal. An ihren eigenen Sohn habe er sie erinnert.

Fordernd tippt sie nun auf den Zeitungsartikel mit der Rechenaufgabe. 9–3 : 1/3 + 1 = 1. „Stimmt das, Pascal?“ Der Wunschenkel betrachtet die Gleichung nachdenklich. In dem Artikel beklagt der Autor, dass Jugendliche sich nur noch auf Online-Rechner verließen. Eine Rechnung wie diese könnten solche Programme aber nicht lösen. Das will die Wunschoma dem Jungen vermitteln. „Ich behandle Pascal nicht anders als meine anderen Enkelkinder“, sagt sie.

Während Pascal über der Aufgabe brütet, erzählt Karla Töpfer, dass sie und ihr Mann oft bedauerten, dass die eigenen Kinder ohne Großeltern und deren Lebenserfahrung aufwachsen mussten. Oft hätten sie und ihr Mann sich gewünscht, ihre Kinder würden eine Oma haben, die ihnen einen anderen Blickwinkel vermittelt. Mit der Gelassenheit und Erfahrenheit des Alters könnten Großeltern dem Nachwuchs nämlich ganz neue Sichtweisen auf das Leben eröffnen.

Zusammen die Unibank drücken

Gleichzeitig hält der Junge auch sie auf Trab und beweglich im Geist. „Der Großelterndienst ist eine wunderbare Gelegenheit, um selbst jung zu bleiben“, sagt die 64-Jährige. Denn nicht nur Hausaufgabenbetreuung steht auf dem Programm, während Pascals Mutter als Friseurin im Schichtdienst arbeitet: Pascal geht mit seiner Karla, wie er sie nennt, besonders gerne in den Zoo. Oder in die Kinder-Uni. Dann drücken die beiden zusammen die Unibank und lernen Neues über Sicherheit im Straßenverkehr oder das Leben auf einer Raumstation. Doch erst steht Mathelernen an. „Na, hast du’s raus?“, hakt Karla Töpfer nach und rechnet ihrem Wunschenkel die Aufgabe vor.

Wenn es darum geht, Pascal die geheime Kunst der Mathematik nahezubringen, ist die Kreativität der Wunschoma oft gefordert. So auch jetzt, denn der Fünftklässler soll die Draufsicht eines Kegels zeichnen. Da kommt Karla Töpfer eine zündende Idee: Sie zaubert ein weißes, kegelförmiges Objekt hervor. „Was siehst du, wenn du von oben guckst?“, fragt sie den verdatterten Pascal. „Karla, was ist das denn überhaupt?“, will dieser wissen. Doch statt auf seine zweifelnden Blicke einzugehen, mahnt die Wunschoma: „Arbeite genau, das ist in Geometrie wichtig“, und antwortet erst dann beiläufig: „Die Düse von einer Tube, um Silikon rauszudrücken.“

Keine Verbindung auf Lebenszeit

Karla Töpfer ist nicht nur Wunschoma, sondern mittlerweile auch Vorsitzende des Vereins SEFA e.V., der den Großelterndienst organisiert. Sie weiß: Die Chemie muss stimmen. Die Steckbriefe werden deshalb nicht nur grob nach Entfernung, sondern auch nach Interessen vorsortiert. Daraus sucht sich die zukünftige Oma oder der Opa dann einen Enkel aus. Die Großeltern sind normalerweise älter als 55 Jahre und die Enkel möglichst jünger als zehn Jahre. Danach hätten die Kinder schon eigene Vorstellungen vom Leben und es sei für die Großeltern schwieriger, eine Bindung herzustellen, erklärt Karla Töpfer. Einen zeitlichen Rahmen für die Beziehung zwischen Kindern, Eltern und Wunschgroßeltern gibt es nicht.

Ist die Wahl getroffen, steigt die Spannung: In einem ersten Treffen unter Beisein einer Moderatorin der SEFA bekommen Familie und Wunschgroßeltern die Möglichkeit, sich gegenseitig kennenzulernen. Schließlich soll das Verhältnis möglichst lange währen. Karla Töpfer stellt klar: „Die Omas sollen und wollen ihre Zeit mit den Kindern verbringen und nicht die Hausarbeit erledigen, wie Geschirrspüle aus- und einräumen!“

Der Verein prüft vorab auch, ob und in welcher Form die Eltern Aufwandsentschädigung zahlen können. Schließlich ist es nicht Sinn der Sache, von manch kleiner Rente auch noch Eintritte, mal ein Eis und Ähnliches zu zahlen. Die SEFA empfiehlt vier Euro Aufwandsentschädigung pro Stunde. Zusätzlich zahlen die Eltern einen Mitgliedsbeitrag von 60 Euro pro Jahr an den Verein. Dadurch wird die Gemeinnützigkeit sichergestellt und die administrative Arbeit finanziert.

Wenn die Oma kündigen kann

Haben sich beide Seiten schließlich geeinigt, testen sie die Verbindung in einer sechswöchigen Probephase. Ein- bis zweimal die Woche sollte die Wunschoma das Kind mindestens betreuen. Bei Konflikten und Problemen kann der Verein vermitteln. Das kam bisher so gut wie nicht vor. Denn anders als bei leiblichen Großeltern müssten bei den Wunschgroßeltern Konflikte nicht ein Leben lang ausgehalten werden, begründet Karla Töpfer.

Dennoch hätten viele der älteren Leute Angst davor, Verantwortung für fremde Kinder zu übernehmen. Auch Karla Töpfer hatte zunächst Zweifel. „Ich muss ehrlich sagen, ich dachte am Anfang auch: Probier’ das erst mal aus“, gesteht sie. Inzwischen sind jegliche Zweifel verflogen: „Ich habe in Pascals Mutter eine Art Tochter dazubekommen und auch die Enkelkinder verstehen sich untereinander recht gut.“ Vor allem genießt sie die gemeinsame Zeit mit ihrem Wunschenkel.

Der hantiert gerade unter Karla Töpfers skeptischem Blick mit dem Zirkel. Kurzerhand greift die ihm unter die Arme und mahnt: „Ich muss Mathe nicht mehr können, du musst das lernen. Das ist für dich wichtig, Pascal.“ Doch der hat schon etwas Spannenderes entdeckt: „Karla, braucht die Sticker vom DFB irgendjemand? Dann hab’ ich, wenn ich Glück hab’, mein ganzes Heft voll!“

Großelterndienst der SEFA e.V.

Der Leipziger Großelterndienst wird von der Senioren- und Familienselbsthilfe e.V. (SEFA) organisiert und zählt ungefähr 80 Großeltern, davon fünf Opas. Mehr als doppelt so viele Familien gibt es, die momentan eine Wunschoma oder einen Wunschopa suchen. Neben der Vermittlungsarbeit organisiert die SEFA kulturelle Angebote wie Konzertbesuche, Ausflüge, regelmäßige Spielenachmittage und Bowlingstunden sowie einmal im Quartal ein Großelternfrühstück. Dort können sich die Wunschgroßeltern austauschen und von den neuesten Abenteuern mit ihren Enkelkindern erzählen. Die Vereinsarbeit läuft komplett ehrenamtlich: zwei Mitarbeiterinnen organisieren die Vermittlung und vier Seniorinnen leiten den Verein. Einen Großelterndienst gibt es übrigens in vielen großen Städten.

Christine Faget (25) hätte auch gern Enkelkinder, wenn sie alt ist. Sie findet es beruhigend, dass es den Großelterndienst gibt, falls es mit den eigenen Enkeln nicht klappen sollte.

Bonustrack

Dieser Artikel ist einer von sechs Bonustracks zur gedruckten SHIFT-Ausgabe Vol. 4.


One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.