One-Man-Show

Bild: Sonja Nowack

„Print ist tot“, „Print hat keine Zukunft“ — von solchen Prognosen lässt Kai Brach sich nicht beeindrucken. Obwohl er als Web-Designer selbst im Internet zu Hause ist, glaubt er fest an Print und hat deshalb vor vier Jahren das Magazin „Offscreen“ ins Leben gerufen — in Australien.

Sein Büro befindet sich im hippen, liberalen Viertel Fitzroy im Norden von Melbourne. Ein Ort, an dem viele Cafés Soja- und Mandelmilch als Alternative zur herkömmlichen Milch für den Kaffee anbieten. In den Straßen wimmelt es von Bars, Clubs und Restaurants und einige von ihnen werben mit veganen und vegetarischen Gerichten. Mit Graffiti bemalte Wände bestimmen das Straßenbild. Ein bisschen fühlt es sich an wie im jungen, frischen San Francisco.

Kai Brachs Büro liegt hinter einem dieser Cafés. Durch eine rote Tür geht es die Treppen hinauf in einen langen Raum. Der Billard-Tisch und die Spielekonsole im Büro fallen sofort ins Auge und erinnern an das Silicon Valley. „Ich komme nicht oft hierher und wenn, dann ist es nicht besonders produktiv“, gibt der 34-Jährige zu. Er verliert sich dann oft in Gesprächen, denn obwohl er sein Magazin allein betreibt, teilt er sich das Büro mit anderen Firmen. Meistens arbeitet Kai von zu Hause aus.

„Offscreen wird oft als Design-Magazin beschrieben, das ist es aber nicht. Es ist ein Magazin zwischen Tech, Design und Entrepreneurship“, erklärt Kai. Offscreen richtet sich an Menschen, die im Web arbeiten, die oft zehn Stunden am Tag vor dem Bildschirm verbringen. „Das Gefühl und der Geruch von Print ist das, was die meisten Menschen in unserer Branche vermissen oder teilweise nicht mehr kennen. Viele wollen weg vom Bildschirm und ein Medium, das ihre Sinne anspricht.“

Er ist der Herausgeber eines Print-Magazins, liest jedoch selbst wenige Bücher oder Zeitungen. Stattdessen informiert er sich lieber mithilfe einer App, in der er Artikel und Videos, die er online gefunden hat, abspeichern und später lesen kann. Dass das Internet Print vollständig ablöst, davon will er aber trotzdem nichts wissen. „Für mich steht Print nicht im Wettbewerb zu online, es ist vielmehr ein Zusatzmedium. Um eine Analogie zu finden: Man kann sehr gern ins Schwimmbad gehen und trotzdem abends noch gerne an den Strand — und beides ist schön.“

Auch von Misserfolgen berichten

Die Idee zu Offscreen kam dem gelernten Web-Designer, als er ein dreiviertel Jahr durch die Welt reiste. Unterwegs kaufte er viele Magazine und merkte, „dass es eigentlich ganz cool wäre, etwas anderes zu machen als nur Webseiten“. Auf der Reise traf er eine Menge Leute, die in der Web-Branche arbeiten und die er bisher nur von Twitter oder Facebook kannte. „Das hat mich inspiriert, dass ich die Gesichter hinter der digitalen Welt kennengelernt habe.“ Daher die Idee, dass man ein Magazin über die Geschichten hinter den digitalen Produkten erzählt. „Aber es geht nicht nur darum, Erfolgsgeschichten zu präsentieren, sondern auch von gescheiterten Start-ups zu berichten und die digitale Art, wie wir leben, kritisch zu analysieren.“

Vor dem Treffen sagte Kai, sein Deutsch sei nicht mehr so gut. Er lebt bereits mehrere Jahre in Australien. Wie sich herausstellt, war seine Befürchtung unbegründet. Sein Deutsch ist flüssig, nur ab und zu rutschen ihm im Gespräch englische Begriffe wie „Publisher“, „Cover“, „Contributors“ oder „Entrepreneurship“ heraus — das Vokabular eines Verlegers.

Im Jahr 2002 kam Kai zum ersten Mal nach Australien: als Backpacker. Er verliebte sich damals nicht nur in die endlosen Strände, das Outback und die Küsten von Australien, sondern auch in eine Frau. Was folgte, war ein Hin und Her zwischen Australien und Deutschland mit Touristen- und Studentenvisum und schließlich die dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Als er 2009 endgültig nach Australien zog, war die Freundin längst Geschichte, doch nachdem er so lange für das Visum gekämpft hatte, wollte er dennoch für eine Weile nach Australien zurückkehren.

Und wieder ist es die Liebe, die ihn in Down Under hält. Mit seiner neuen Liebe ist er bis heute liiert. Nach Deutschland kommt Kai mindestens einmal im Jahr. „Ich fühle mich nach wie vor Deutsch, aber wenn mich jemand fragt, woher ich komme, dann sage ich, ich bin Australier. Meine Wurzeln sind jetzt hier.“

Bild: Sonja Nowack

Zeitlose Texte

Nachdem sein Plan, das Magazin mit Hilfe der Crowdfunding-Plattform Kickstarter zu finanzieren, geplatzt war, verwendete Kai kurzerhand seine eigenen Ersparnisse. Rentabel wurde Offscreen erst ab Ausgabe drei. Die ersten zwei Ausgaben deckten gerade einmal die Kosten, inzwischen kann Kai aber ganz gut von Offscreen leben. Von den 5.000 Exemplaren verkauft sich ein Drittel in den ersten zwei Wochen, die anderen zwei Drittel im Laufe der Monate danach. „Die Texte sind mit Absicht sehr zeitlos gehalten, damit die Leute das ein Jahr später noch lesen können und trotzdem noch etwas davon haben. Es ist wichtiger, den Leuten Inspiration zu geben und nicht, dem neuesten Trend zu folgen.“

Die Sponsoren befinden sich auf acht Seiten in der Mitte des Heftes statt im Magazin verteilt. In schlichtem schwarz-weißen Design hat jede Firma eine ganzseitige Anzeige, bestehend aus Firmenlogo und kurzem Text. Das minimalistische, unaufdringliche Konzept scheint anzukommen: „Genau deswegen schenken die Leute den Anzeigen mehr Aufmerksamkeit. Es fällt mehr auf, weil es anders ist“, so Kai.

Lippenpiercing, ein Dreitagebart, leicht gestylte Haare — Kai wirkt locker, seine Art ist wie das für Australien typische „easy going“. Wenn er spricht, drückt er sich gewählt aus und hat stets ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Mit seinem grauen Pullover und seiner legeren blauen Jeans könnte er genauso gut Student sein. Wäre da nicht das eine oder andere graue Haar, das an der Seite hervorblitzt, könnte er für jünger als 34 durchgehen.

Den Begriff „Autoren“ benutzt Kai nicht gerne. „Ich spreche lieber von Contributors, weil es im Magazin viele Menschen gibt, die über sich und ihre Firma schreiben. Das sind dann vor allem Leute, die in der Web-Branche arbeiten und erzählen, wie sie auf ihre Geschäftsideen gekommen sind. Deswegen Contributor, weil sie einen Beitrag liefern, aber keine richtigen Journalisten sind.“ Einzig die Interviews führt Kai selbst — und er redigiert alle Beiträge. Als Journalist sieht sich Kai aber dennoch nicht. „Ich versuche lieber, die Geschichten von anderen Leuten authentisch darzustellen statt sie selbst zu schreiben.“

Wo ist für ihn die Grenze zwischen PR und Journalismus? „Es ist ein schmaler Grat zwischen Promotion und einer coolen Geschichte, als Editor und Publisher hat man das aber in der Hand. Es geht nicht darum zu zeigen, wie cool jemand ist, sondern Ideen zu hinterfragen: was der Ansporn ist, was die Herausforderungen sind und was die Vorteile einer neuen Idee.“

Dass es Offscreen noch in zehn Jahren geben wird, glaubt Kai nicht. Den Erfolg begründet er mit dem Konzept des Ein-Mann-Magazins. „Die Leute unterstützen teilweise eher mich als das Magazin selbst. Sobald das Magazin in irgendetwas Größeres wächst, das nicht mehr so greifbar ist wie das Ein-Mann-Magazin, wird es nicht mehr funktionieren.“ Und fügt hinzu: „Ehrlich gesagt, habe ich auch keinen Bock, Offscreen noch in zehn Jahren zu machen. Es ist ein cooles Ding, aber alles hat sein expiry date.“ Dann sei es Zeit, etwas Neues zu machen.

„Perfektionismus im Print ist Schwachsinn“

Auf seinem Blog gibt Kai tiefe Einblicke in das Leben eines Verlegers. Er schreibt darüber, wie frustriert er war, als etwas mit seiner Titelseite nicht gestimmt hat oder wie es mit der Produktion der neuesten Ausgabe voran geht. Durch diese offenen Posts, so vermutet er, werden die Leser an das Magazin gebunden.

In den letzten Jahren hat er viel gelernt. „Print zeigt dir als Perfektionist, dass Perfektionismus Schwachsinn ist.“ Keine Ausgabe sei perfekt, man werde vom Perfektionist zum Realist, weil man nicht mehr Kontrolle über alles hat. „Als Web-Designer kann man Sachen austauschen und über Nacht neu machen. Bei Print ist das nicht so. Wenn es gedruckt ist, ist es gedruckt und dann muss der Perfektionist in mir aufgeben und damit leben. Auch, wenn dann 5.000 Magazine existieren, die nicht so sind, wie ich es mir vorgestellt habe.“

Betrachten die Leser das Endprodukt, bringen sie ihm viel Respekt, Lob und Anerkennung entgegen. Es sei allerdings nicht immer alles so schön, wenn man mitten in der Heftproduktion ist und Sachen nicht funktionieren — dann sei das harte Arbeit. „Das Indie-Publisher-Leben ist nicht so cool, wie es von außen aussieht“, gibt er zu. Vor allem, wenn man — wie Kai — in seinem Editorial anpreist, immer für Feedback offen und nur „eine E-Mail entfernt“ vom Leser zu sein, trotz Zeitverschiebung.


Offscreen erscheint drei bis vier Mal pro Jahr mit einer Auflage von 5.000 Exemplaren. Auf 160 Seiten will Kai Brach den Menschen hinter der technischen Welt ein Gesicht geben. Gedruckt und verschickt wird das Magazin in Berlin. Der typische Offscreen-Leser ist laut Kai Brach männlich, zwischen 20 und 35 Jahre alt und hat einen gut bezahlten Job. Er kommt aus Amerika, England, Europa, Australien oder Neuseeland, ist Designer und betreibt eine Agentur, ein Start-up oder ein Business. Kai Brach: „Es sind meistens Leute, die etwas Neues starten und für die Storys von Leuten, die es schon gemacht haben, inspirierend sind.“


Sonja Nowack (28) studiert Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt und tüftelt zurzeit an ihrer Bachelorarbeit. Frisch von einem Auslandssemester in Australien zurückgekommen, wird genau das ihr Thema sein: ein multimediales Web-Dossier über das Zurückkommen.

Bonustrack

Dieser Artikel ist einer von zehn Bonustracks zur gedruckten SHIFT-Ausgabe Vol. 3.


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