Peter, die Hebamme

Bild: Julia Herz-el Hanbli

Auf einer Reise in Lateinamerika begegnet Peter Wolf Frauen, die ihre Kinder stillen. Ein scheinbar alltäglicher Moment, der ihn aber zu einer unkonventionellen Entscheidung führt — und zu einem für Männer seltenen Beruf.

Sanft liegen seine Hände auf dem Rücken des Neugeborenen, der bäuchlings auf dem heimischen Sofa vor sich hin döst. „Wie geht es deiner Brust?“, fragt Peter die Frau neben ihm. Sein Blick ruht dabei auf dem zwischen ihnen liegenden Säugling. „Rechts spannt es“, sagt sie. Er hebt das Kind hoch und schaut es lange an. Still wird es im Raum. Dann wird der kleine Eros unruhig. „Du willst essen, das weiß ich.“ Peters Stimme klingt ein wenig schelmisch, wenn er mit dem Kleinen spricht. „Aber zuerst muss ich die Brustentzündung deiner Mutter behandeln. Du musst also warten“, sagt er und grinst amüsiert. „Das musst du nun auch lernen.“

Bild: Julia Herz-el Hanbli

Peter Wolf arbeitet als Hebamme. Ein Ausnahmeberuf für einen Mann. Auch wenn Männer offiziell seit 1985 in der Geburtshilfe ausgebildet werden können, existiert von ihnen deutschlandweit nur eine Handvoll. Sechs Männer zähle das statistische Bundesamt in den Krankenhäusern, sagt Nina Martin vom Deutschen Hebammenverband. Dazu kommen noch ein paar, die als freie Hebammen arbeiten. Das war es dann aber auch. „Mir erscheint das immer noch relativ viel“, sagt Peter. In Berlin, dort wo der gebürtige Rheinländer lebt und arbeitet, ist er der einzige Mann.

„Das ist die Menschheit“

Doch warum einen Beruf erlernen, der seit jeher von Frauen dominiert wurde und heute noch dominiert wird? Der 34-Jährige mit den dunkelbraunen Haaren überlegt nicht lange. „Damals studierte ich noch Ethnologie. Und wie es bei Ethnologen so ist, reiste ich viel“, erzählt er. Irgendwann sei er in Bolivien in eine Markthalle hineingelaufen. „Da saßen Frauen auf dem Boden. Sie unterhielten sich und stillten nebenher ihre kleinen Kinder. In dem Moment dachte ich: Aha, das ist die Menschheit. Das ist es, was das ‚Mensch-Sein‘ ausmacht.“

Immer wieder hält Peter beim Sprechen inne, sein Blick schweift zum Nebentisch des Cafés, in dem wir uns unterhalten. Ein paar Mütter haben es sich dort mit ihren Babys gemütlich gemacht. Dann fährt er fort: „Ich dachte: Darum geht es also, um diese Bindung zwischen Mutter und Kind. Und alles andere, was wir haben, all die Institutionen — das ist nur der Überbau.“

Dieser Moment habe ihn geflasht, „aber dann war er auch wieder weg“. Er kehrte zurück nach Mainz und setzte sein Ethnologie-Studium fort. Doch die Idee ließ ihn von da an nicht mehr los. „Eines Nachts wachte ich auf und begann, nach Hebammenschulen zu suchen.“

Bild: Julia Herz-el Hanbli

Sein oder nicht sein?

Der Wunsch, Hebamme zu werden, war da — mal mehr, mal weniger stark. Dieses hin- und hergerissen sein spiegelte sich in seinem weiteren Leben wieder: Direkt nach dem Studium begann er mit der Suche nach Ausbildungsplätzen an Hebammenschulen, erst in Deutschland, später auch in Österreich, den Niederlanden, aber auch in Lima (Peru) und Santiago de Chile (Chile). Er trat eine Doktorandenstelle an und arbeitete als Berater im Gesundheitsbereich für Internationale Zusammenarbeit. „Und dann hat es mich wieder gepackt“, sagt er. Er versuchte sein Glück in England — und wurde angenommen. Dass er als Mann Hebamme werden wollte, war dort irgendwie überhaupt kein Thema, erinnert er sich. „Die englische Bezeichnung ‚midwife‘ bedeutet ja auch ‚mit der Frau‘. Welches Geschlecht diese Person hat, ist dabei aber irrelevant.“

„Sowas fragt man doch heute nicht mehr!“

Schon während der Ausbildung knüpfte er Kontakte zum Berliner Geburtshaus am Treptower Park und machte dort ein Praktikum. Nach der Ausbildung Ende 2014 klopfte er erneut an deren Tür. „Ich dachte eigentlich, ich gehe jetzt einfach da rein und schaue, ob es da eine Möglichkeit gibt, für mich in Deutschland als männliche Hebamme zu arbeiten.“ Für die Leiterin sei es aber schon so eine Art Vorstellungsgespräch gewesen. „Und dann hieß es auf einmal: Willkommen im Team!“

Dennoch gab es anfangs Bedenken unter den Kolleginnen. Wie würden es die schwangeren Frauen auffassen, wenn hier ein Mann arbeitet? Also starteten sie eine Umfrage im Geburtshaus. Und tatsächlich waren die Frauen empört, sagt Peter. „Allerdings eher darüber, dass überhaupt eine solche Frage gestellt wurde.“

Seit einem Jahr ist er nun als freiberufliche Hebamme im Geburtshaus tätig. Mittlerweile habe es sich rumgesprochen, dass hier auch ein Mann arbeitet, sagt er. Selbstverständlich gebe es Schwangere, die sich eher eine Frau als Hebamme wünschen. Das sei dann auch völlig in Ordnung. „Für die meisten ist es aber kein großes Thema.“

Für Neugier sorgt er trotzdem. „Als meine Kolleginnen erfahren haben, dass ich mein Praktikum bei Peter machen werde, sagten sie: Schreib alles mit. Wir wollen alles erfahren!“, erzählt die Hebammenschülerin Inga. Ob ihr etwas Außergewöhnliches an Peters Arbeitsweise aufgefallen sei? Sie überlegt kurz. „Doch, ja. Gleich am ersten Tag meines Praktikums hat er mich zu einer Geburt mitgenommen. Was mir lebhaft in Erinnerung blieb, war diese unglaubliche Ruhe, die er ausstrahlte. Und wie viel Vertrauen er in die werdende Mutter hatte.“

Bild: Julia Herz-el Hanbli

Ein ganz normaler Arbeitstag

Und tatsächlich ist diese ruhige Ausstrahlung, von der sie spricht, auch während seiner Hausbesuche an diesem Tag jederzeit spürbar. Etwa wenn er die hochschwangere Diana nach ihrem Befinden fragt. Oder den kleinen Hauke in die Babywiege hebt und mit ihm spricht, als würde dieser ihn bereits verstehen. Oder dem werdenden Vater Julius das Hörrohr in die Hand drückt und fragt: „Willst du auch mal die Herztöne hören?“

Solange Peter bei den Frauen (und Männern) und ihren Kindern ist und mit ihnen arbeitet, scheinen die Außenwelt um ihn herum und der volle Terminkalender in seiner Tasche wie ausgeblendet. Er sitzt auf dem Sofa, fragt nach. Und er hört zu. Er beruhigt, er plaudert aus dem Nähkästchen, erzählt Geschichten, die unglaublich klingen, über Plazenta-Rituale oder stillende Männer. Er gibt Ratschläge, sagt: „Mir ist wichtig, dass du dein Baby jederzeit spürst.“ Oder: „Finde heraus, wie deine Frau sich am besten entspannen kann.“

Während er mit den Menschen arbeitet, spürt man keinen Stress, sieht keine ungeduldigen Blicke auf die Uhr. „Ich betreue die Paare eben nicht nur mit ihrem schwangeren Bauch, sondern mit allem, was dazugehört“, sagt Peter. „Sie kommen zu dir und haben ihre Sorgen — aber auch Wünsche. Und sie teilen es mit dir.“ Doch nicht nur das. „Da ist die Phase vor der Schwangerschaft, dann erlebt man die Geburt zusammen, und am Ende das Wochenbett.“ Ausnahmezustände, die auch extrem zusammenschweißen, wie er sagt. „Man entwickelt eine wirklich tiefe Beziehung zu den Menschen.“ Und dann sei da noch das Erleben dieser enormen Kraft, die der weibliche Körper insbesondere unter der Geburt entwickelt. „Es ist eine Urkraft, die in diesem Moment durchkommt“, sagt er. Viele Momente, die sich zu einem kompletten Bild zusammenfügen und die er als Hebamme begleiten darf — das ist es, was er an diesem Beruf so schätzt.

Heute sind die Eltern stolz

Ausgerechnet seine Mutter tat sich mit dem Berufswunsch ihres Sohnes schwer. „Ich glaube, sie musste erstmal verstehen, was eine Hebamme eigentlich macht.“ Sie brachte alle ihre drei Kinder in einem Krankenhaus zur Welt. Es waren komplexe Geburten, bei denen die Ärzte die führende Rolle hatten. Die Hebammen kannte sie daher nur als „Helferlein“ im Hintergrund. Der Vater hingegen, sonst ein Skeptiker, was die Berufswünsche seines Sohnes betraf, überraschte ihn. „Als er merkte, dass das jetzt wirklich mein Herzenswunsch ist, hat er mich komplett unterstützt.“

So ruhig und beruhigend die Hausbesuche verlaufen, so hektisch ist die Zeit dazwischen. Das Mittagessen kommt, mal wieder, vom Vietnamesen. Peter reicht der Schülerin Inga sein Handy und diktiert ihr die Nummern seiner Lieblingsgerichte. Die kennt er mittlerweile auswendig. Der Bote möge bitte ins Geburtshaus liefern, denn dort geht es im Anschluss hin. Als Hebamme sei er eben den ganzen Tag unterwegs, komme erst spätabends heim. Und dann sei da noch der Bereitschaftsdienst. Schließlich sei ja der genaue Zeitpunkt einer Geburt nicht wirklich planbar. „Wenn ich dann nach Hause komme, habe ich fürs Kochen weder Zeit noch Lust.“

Lieber widmet er seine Zeit den Frauen, die er betreut. Als Peter bei Alice ankommt, schläft ihr Sohn. Ein guter Moment, um sich nach dem Befinden der jungen Mutter zu erkundigen. Wie sie sich fühle, wie sie ihre Tage verbringe, will Peter wissen. Sie schlafe viel, tagsüber unternehme sie was. Ganz simple Fragen, ganz simple Antworten. Aber gerade das findet Peter wichtig. „Wie viele Ärzte nehmen sich heute noch die Zeit, um einfach zu fragen: Wie geht es dir denn heute wirklich?“

Bild: Julia Herz-el Hanbli

Exot wider Willen

Mit seinem Exoten-Status als männliche Hebamme habe er sich mittlerweile arrangiert. In seinem Team sei er kaum noch ein Thema. Dennoch bekomme er fast wöchentlich Presseanfragen. Also nutzt er das Medieninteresse an seiner Person, um auf die Missstände in seinem Berufsstand aufmerksam zu machen.

Am heutigen Abend findet ein Vernetzungstreffen der Initiative „Midwife Rebels“ im Geburtshaus statt. Knapp 30 Kolleginnen aus Berlin sind gekommen. Im gemütlich hergerichteten Raum wollen sie über die aktuellen politischen Entscheidungen diskutieren und sich über ihre nächsten Schritte beraten. Peter moderiert die Veranstaltung. „Wir fühlen uns von unseren Hebammenverbänden nicht richtig vertreten“, erklärt er. Die hohen Beiträge bei der Haftpflichtversicherung, das Diktat seitens der Krankenkassen, was nun als „Risikogeburt“ einzustufen sei und nicht von Hebammen durchgeführt werden dürfe. Besonders aber die als intransparent empfundenen Vertragsverhandlungen zwischen den Hebammenverbänden und den Krankenkassen sorgen für Unzufriedenheit. „Und das wollen wir ändern“, sagt Peter.

„Ich finde es gut, dass es ein Frauenberuf ist“

Warum so wenige Männer in der Geburtshilfe tätig sind, weiß er nicht. „Ich vermute, dass viele es einfach nicht im Kopf haben, dass sie das machen können.“ Diskriminierungen aufgrund seines Geschlechts habe er kaum erlebt. Nur einmal sei ihm eine Kollegin, eine „Altfeministin der 70er-Jahre“, begegnet. Sie warf ihm vor, er wolle die „letzte Bastion der Frauen“ einreißen. Das fand er dann ironisch. „Ich mache diesen Beruf auch aus einer Art feministischer Motivation heraus“, erklärte er ihr. Niederreißen wolle er dabei aber gar nichts. „Im Gegenteil: Ich finde es eigentlich toll, dass es ein Frauenberuf ist und freue mich, so viele grandiose Kolleginnen zu haben. Daran will ich gar nichts ändern.“


Julia Herz-el Hanbli (33) lernte durch das Studium der Ethnologie, Fremdes als vertraut und Vertrautes als befremdlich zu betrachten. Diese Gabe, ständig hinter den Schleier des angeblich „Normalen“ zu blicken, empfindet sie meistens als einen Segen. Und manchmal als einen Fluch.

Bonustrack

Dieser Artikel ist einer von zehn Bonustracks zur gedruckten SHIFT-Ausgabe Vol. 3.


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