Rational und völlig unmenschlich

Sie thront über den Dingen, der Gesellschaft und über uns Menschen: die Wissenschaft. Sie vermisst, berechnet und suggeriert uns in ihrer Allmacht, eines Tages alles erklären zu können. Dennoch bleibt ein Rest Unsicherheit. In manchen Fällen heißt dieses Nichtwissen Risiko, manchmal Dummheit und ein anderes Mal schlicht Natur. Woher also kommt die Irrationalität in einer völlig durchrationalisierten Welt?

Wie du weißt, ist Liebe eine wechselseitige Komplettannahme im Modus der Höchstrelevanz. Hä? Ja genau. Diese Definition stammt von der menschlichen Gattung der Systemtheoretiker, die mir immer wieder eindrucksvoll zeigen, dass Wissenschaft und damit Rationalität buchstäblich in alle Bereiche des menschlichen Lebens vorgedrungen ist. Mir stellt sich immer mehr die Frage, was diese Rationalität zum Beispiel in der Liebe verloren hat und ob die wissenschaftliche Beschreibung wirklich immer einen Mehrwert hat. Gestern Abend hat mich meine Freundin dazu überredet, mit ihr gemeinsam „Wie ein einziger Tag“ zu gucken. Ein Liebesdrama wie es in keiner erdenklichen Form von Rationalität vorkommen dürfte. Ist der Film damit Quatsch und wird mit ihm ein „falsches“ Bild der Liebe transportiert oder ist der Versuch wissenschaftlich-rationale Denkmuster auf diesen Bereich des Lebens anzuwenden lächerlich? Die Liebe hebt den ökonomisch konstituierten Gegensatz zwischen den eigenen und den Interessen des anderen auf.

In ähnlicher Form beschnitten die Wissenschaften auf der einen Seite über die letzten Jahrhunderte nach und nach Vorstellungswelten wie Mystik, Religion oder die Metaphysik, um auf der anderen Seite Phänomene wie Liebe, Moral oder sogar Sinn irgendwie in wissenschaftlich messbare Entitäten zu überführen. Und hier liegt schon eines der größten Probleme der Forschung: Operationalisierung lautet das Stichwort und bedeutet, dass selbst ein Glücksforscher Glück irgendwie messen muss. Dafür kann er zum Beispiel einen standardisierten Fragebogen zur Hand nehmen und damit wichtige quantitative Messgrößen gewinnen. Über diese Werte versucht er dann wieder Rückschlüsse auf das Phänomen zu ziehen. Die eigentliche Wirklichkeit bleibt uns allerdings dennoch verschlossen — es sind bloße Fragen, Methoden und Werkzeuge, welche die Form unserer Beschreibung vorbestimmen. Auch wenn Gefühle, moralische Vorstellungen oder psychische Erkrankungen hochkomplexe qualitative Größen sind, versuchen die quantitativen Humanwissenschaften dem Forschungsobjekt alle Individualität abzusprechen und über einfache Zahlen eine Diagnostik ins Feld zu führen. Denn nichts besitzt in der heutigen Gesellschaft so viel Wahrheitskraft wie Zahlen. Nicht zu vergessen ist allerdings, dass es sich immer nur um eine Beschreibung handelt und nicht um die Welt selbst.

Rationalität in der Wissenschaft

Alle Welt ist auf der Suche nach der Wahrheit. Scheinbar ist diese irgendwann zwischen der Renaissance und heute verloren gegangen. Alle alten Sicherheiten wurden mit der Aufklärung aufgebrochen und seitdem darf alles kritisiert werden; wobei die institutionelle christliche Kirche schon so viel Boden im Wettstreit um die Hoheit im Abendland verloren hat, dass diese Religion gar nicht mehr den Anspruch erheben darf, allgemeingültige Wahrheiten zu kreieren und dann vertreten zu können. Selbst der Papst muss sich den weltlichen Rechten des Staates unterordnen, Krankheiten darf auch er nicht austreiben und wenn er sich auf Facebook präsentieren will, so muss er sich den Eigenheiten dieses Mediums beugen. Stattdessen verweist er die entsprechende Person weiter an einen Arzt oder Psychologen. Das, was einmal das Steckenpferd der Religion war, liegt heute nämlich größtenteils in der Hand der Wissenschaft. Die Beschreibung der Wirklichkeit, so wie sie „wahrhaftig“ ist, ist nur noch Aufgabe einzelner Fachdisziplinen in Universitäten und Forschungseinrichtungen. Es hat sich längst eine neue Tradition von objektivem, das heißt von den Wünschen, Gefühlen und Vorstellungen gewöhnlicher Menschen getrenntem Wissen etabliert. Und dieses wirkt auf den modernen aufgeklärten Mensch ganz und gar alternativlos.

Die Rationalisierung hat die Welt zweifelsfrei in all ihren Dimensionen ein Stück berechenbarer und damit beherrschbarer gemacht. Damit ist das menschliche Leben in vielerlei Hinsicht vor allem quantitativ besser geworden. Wir leben länger, können mehr besitzen und deutlich schneller reisen. Es ist auch keine Frage, dass wir unser neues Smartphone als Fortschritt in dieser Welt wahrnehmen. Dennoch lässt sich die Dialektik, die von der ersten Sekunde an in die Aufklärung implementiert war, nicht wegdiskutieren. Mit der Rationalisierung unserer Welt haben wir ein neues Idealbild des Menschen geschaffen, dem der Einzelne nun Rechnung tragen muss. Denn sapere aude — habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Die Aufklärung basiert also schon auf einem Appell des hohen Richters der Vernunft Immanuel Kant. Mit der Befreiung der westlichen Welt von Hungersnot, Lehnsherren und diktatorischer Kirche wurden eben auch gleichzeitig die neuen Zwänge sofort mitgeliefert. Denn unter den verselbstständigten Rationalisierungsprozessen tritt der menschliche Sinn für ein besseres Leben in den Hintergrund und die Steigerungslogik in Technik, Medizin und Wissenschaft machen den Menschen zum Sklaven seiner eigenen „Kulturleistungen“.

Kritik am wissenschaftlichen Wissen

Von meinen Psychologieseminaren habe ich eine rigorose Abneigung gegen die wissenschaftlich-quantitative Beschreibung der Welt und des Menschen mitgenommen. Seien es ECTS-Punkte im Studium, Schulnoten oder IQ-Punkte: Sie alle machen mir ein wenig Angst. Aber Zahlen sind durchaus der gängige Modus für die wissenschaftliche Beschreibung unserer Welt geworden. Zahlen wirken sauberer, genauer und objektiver als das gesprochene Wort. Dem Fetisch der Zahl frönt der Psychologe, genauso wie der Ökonom oder der Ingenieur und alle erfreuen sich auch großer Erfolge in Sachen Vorhersagbarkeit, mathematischer Beweiskraft und Wiederholbarkeit der Experimente. In seiner Extremform legt der Einzelne in der Sorge um sich vollkommen rational den Zollstock schon an sich selbst an und kontrolliert damit sein neues „quantified self“ rund um die Uhr.

Sieht so Freiheit aus? Zahlen sind vollkommen gleichgültig gegenüber ihren Objekten und können sowohl ein dreijähriges Kind für sein gesamtes Leben mit den goldenen drei Buchstaben der heutigen Pädagogik „ADS“ brandmarken, als auch aktuelle Debatten mit neuen Argumenten unterfüttern. Die Entzauberung der Welt durch ihre mathematische Beschreibung führt dazu, dass die Welt immer nüchterner und kontrollierbarer wird. Magisch-poetische, außeralltägliche und geheimnisvolle Momente sind sehr selten geworden. In der Logik der bürokratischen Verwaltung findet sich der moderne Mensch im goldenen Käfig der Hörigkeit wieder und wird so zum Fachmenschen ohne Geist oder zum Genussmenschen ohne Herz. Und auch die so hochgelobte „Bildungselite“ muss sich dann nach dem fünfjährigen volldurchstrukturierten Studium dem Vorwurf des Fachidiotismus stellen. Kompetenzen reichen für wissenschaftlichen, wie gesellschaftlichen Fortschritt eben nicht aus. Es ist klassische Bildung mit all ihren Facetten wie Theater, Bildende Künste und Literatur, welche die Phantasie zu wirklich neuen Ideen anfeuert. Das Drei-Körper-Problem bei Newton oder Einsteins Strahlenproblem sind nur zwei Beispiele, welche aufzeigen, wie Wissenschaftler vernünftig genug waren, unvernünftig zu sein — und den Verstand zunächst durch Bilder und einfache Prosa leiten zu lassen.

Die ganz große Frage unseres Daseins „Wie sollen wir leben?“ lässt sich mit wissenschaftlichen Mitteln sowieso nicht beantworten. Die Forscher fragen immer nur nach dem Ist-Zustand der Welt und nicht danach, wie etwas sein soll. Kein Wissenschaftler der Welt hat bislang belegen können, dass wir eine Gleichberechtigung von Mann und Frau fördern, Inklusion vorantreiben und ungeborenes Leben schützen SOLLEN. Zu einer solchen Erkenntnis braucht es mehr als wissenschaftliche Fakten.

Ist der Mensch also rational?

Wenn ich bisher widerlegt habe, dass es überhaupt so etwas wie eine universelle und absolute Rationalität gibt, so bleibt trotzdem noch zu fragen, ob wir mit diesem eingeschränkten und relativen Rationalitätsbegriff den Menschen als rational einstufen können. Denn so, wie sich der Wissenschaftler selbst sieht, hat er lange auch seinen Forschungsgegenstand betrachtet. Sozial- und Humanwissenschaftler neigen dazu den Gegenstand ihres Interesses vollkommen von sich zu trennen und den Mensch als von ihnen als Subjekt zu unterscheidendes Objekt anzusehen. Die Vorstellung eines homo oeconomicus ist aber nur eine Maske, die man allen individuellen Gesichtern überziehen kann und damit alle untersuchten Personen mit einer Theorie fassen zu können. In diesem Sinne müssten wir unseren gesamten Tag danach ausrichten, dass er unter Zeit- und Geldperspektiven die selbstgesetzten Ziele möglichst effizient verwirklicht. Hast du dich also schon mal gefragt, ob du deine linke Niere nicht wirtschaftlich gewinnbringender investieren könntest als in deinem eigenen Körper? Die Wissenschaft reagiert hier aber schon selbst auf den Einwand, dass man den Mensch nicht nur in einem Rational-Choice-Prinzip verstehen kann und sollte. So entstanden starke Tendenzen in der Sozial-Psychologie, die Paradoxien in dem Bild des sonst so rationalen Menschen aufdeckten. Rationalisierung ist für den Psychologen nichts anderes als eine Abwehrtechnik, die dazu eingesetzt wird Handlungen nachträglich gegenüber anderen als begründet und sinnvoll darstellen zu können. So wird eine spontane Kaufentscheidung dann erst nachträglich vor anderen als rationale und weise Entscheidung verkauft à la „Ich brauchte die Süßigkeit einfach, weil ich mich mit ein bisschen Zucker besser konzentrieren kann“.

Rationalität ist nicht immer schön, nicht zu bestimmen und selbst im besten Fall handelt der Mensch häufig nicht rational. Ab und zu sogar irrational. Ist das jetzt schlimm? Nein, das macht die Welt sogar ein wenig bunter und zu einem Ort, der Veränderungen und neue Ideen zulässt. Denn wenn alle Menschen rational handeln würden, gäbe es wohl keine Hoffnung auf eine bessere Welt. So aber können gesellschaftliche Ziele neue Anknüpfungspunkte für rationales Handeln schaffen und jedem die Möglichkeit gewähren in Zukunft noch etwas zu verbessern. Haben wir einmal eingesehen, dass wir keine rein rationalen Wesen sind, die einfach nur ihr Ding durchziehen, sondern auch von Gefühlen, Situationen und Ängsten beeinflusst werden, eröffnet das den Weg zu Reue, Vergebung und Empathie. Also traut euch und probiert es mal aus mit der wechselseitigen Komplettannahme im Modus der Höchstrelevanz.


Tim Huyeng (21) ist Student der Soziologie und Psychologie. Aus der ersten sokratischen Ernüchterung, dass ich nur weiß, dass ich nichts weiß, wurde aber recht schnell ein Gefühl von Menschlichkeit, Toleranz und die Hoffnung auf bessere Zeiten.

Bonustrack

Dieser Artikel ist einer von zehn Bonustracks zur gedruckten SHIFT-Ausgabe Vol. 3.


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