Schere im Kopf

Öffentliche Denkverbote sind Gift für eine Demokratie. Ein Plädoyer für den Mut, sich gerade unbequemen Fragen immer wieder neu zu stellen.

Achtung! Dieser Kommentar könnte dich provozieren! Könnte es sein, dass Intelligenz vererbt wird? Könnte es sein, dass eine sexuelle Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind nicht in jedem Fall schädlich für das Kind ist? Könnte es sein, dass es zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarben biologisch verankerte Unterschiede gibt im Blick auf moralische und intellektuelle Fähigkeiten?

Könnte es sein, dass der Holocaust historisch gar nicht einzigartig ist? Könnte es sein, dass Inklusion im Unterricht sowohl der Klasse als auch den Kindern mit Behinderung schadet?

Jede einzelne dieser Fragen kann für den, der sie stellt, zu moralischer Ächtung und persönlicher Diskreditierung führen — auch oder vielmehr gerade in universitären Kontexten. Die Betreiber eines Blogs wie beispielsweise Münkler-Watch, in dem Studierende in militanter Form der Frage nachgehen, ob der Berliner Politikprofessor Herfried Münkler in seinen Vorlesungen Äußerungen tätigt, die möglicherweise als sexistisch, rassistisch oder auf sonst eine Weise als menschenfeindlich ausgelegt werden könnten, würden jede der oben genannten Fragestellungen als quasi todesstrafwürdig anprangern.

Das ist eine Katastrophe, so meine ich. Selbstverständlich, wer solche Fragen in strategischer oder politischer Absicht stellt, um damit rassistische, sexistische oder antisemitische Positionen zu maskieren oder zu legitimieren, hat gesellschaftliche Ächtung verdient. Wer aber im Geist philosophischen Fragens auf Klärung zielt — und sei es auch aus naivem Unwissen –, muss angstfrei fragen dürfen. In der Fähigkeit, das eine vom anderen sensibel unterscheiden zu können, offenbart sich der Zustand der politischen und diskursiven Kultur.

Die richtige Antwort auf jede der oben gestellten Fragen lautet nach derzeitigem Erkenntnisstand: nein. Aber wir verweigern jungen Menschen und langfristig uns selbst die Ausbildung der Fähigkeit, zu moralisch heiklen Fragen selbstständig und selbsttätig Stellung zu nehmen, wenn wir jedes Mal mit einem entsetzten „So was darfst du nicht einmal denken!“ reagieren. Doch, darf man. Und dann muss man überlegen, was dafür und was dagegen spricht, und dabei wird man sehen, dass viel mehr dagegen als dafür spricht. Als Folge können wir unsere Position aus Überzeugung und mit guten Gründen rechtfertigen, ohne reflexartige Abwehr und ohne Angst.

Wir müssen uns unserer eigenen Haltung und unseres Selbst- und Weltverständnisses immer wieder argumentativ vergewissern, dann wird unsere Position stärker, die Überzeugung tiefer und die Vorbildwirkung größer. Der Soziologe Max Weber nannte genau diese Fähigkeit „intellektuelle Redlichkeit“. Er verstand darunter „die Pflicht, die Wahrheit zu suchen“ und dabei rückhaltlos all das in den Blick zu nehmen und zu prüfen, was den eigenen Überzeugungen entgegensteht. „Wenn jemand ein brauchbarer Lehrer ist, dann ist es seine erste Aufgabe, seine Schüler unbequeme Tatsachen anerkennen zu lehren, solche (…), die für seine Parteimeinung unbequem sind“. Diese unbequemen Tatsachen gelte es ernst zu nehmen und keinesfalls als irrelevant, unglaubwürdig oder gar verwerflich zu disqualifizieren, um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen. Intellektuelle Redlichkeit bedeutet auch, das Auseinanderfallen des Wahren, Guten und Schönen in der Moderne anzuerkennen: Etwas kann wahr sein, obwohl es moralisch richtig schlecht, politisch absolut unerwünscht ist. Intellektuelle Redlichkeit bedeutet, mit dieser Möglichkeit zu rechnen und sie nicht einfach a priori, ohne Prüfung der Argumente, auszuschalten. Dadurch gewinnen wir auch die Fähigkeit, nur scheinbar entgegenstehende Argumente dort zu entkräften, wo sie ihrerseits auf Scheinevidenzen, falschen Naturalisierungen oder schlicht Vorurteilen beruhen.

Wer aber schon den Fragen mit dem moralischen Holzhammer begegnet und damit den Fragenden mundtot zu machen versucht, erzeugt und reproduziert in Wahrheit die Bedingungen der Möglichkeiten von Rassismus, Sexismus, Faschismus und Antisemitismus. Denn Menschenfeindlichkeit kann auch darin bestehen, ein Klima der Angst gerade dort zu erzeugen, wo es um unsere heiligsten Güter geht: das Leben, die Liebe, die Menschlichkeit und die Gleichheit.


Hartmut Rosa (50) ist Professor für Soziologie an der Universität Jena und Direktor des Max-Weber-Kollegs der Universität Erfurt. Sein jüngstes Werk: „Beschleunigung und Entfremdung“ (Suhrkamp, 2013)

Bonustrack

Dieser Artikel ist einer von zehn Bonustracks zur gedruckten SHIFT-Ausgabe Vol. 3.


Quelle: Philosophie Magazin 05/2015, „Braucht mein Leben ein Ziel?“

One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.