Schule — Zukunft — Finnland?

Bild: Kimmo Brandt für die Stadt Helsinki

Die Finnen schaffen die Schreibschrift ab, haben neun Jahre Grundschule und motivierte Lehrer. Sind ihre Schulen deshalb so gut? Oder was macht das finnische Schulsystem so erfolgreich?

Welche Stelle hat gehakt, wo müssen wir nochmal üben?“, fragt der Dirigent des Schulorchesters. Er ist, so wie die 20 Musiker, selbst Schüler der Viikin Normaalikoulu-Schule in Helsinki. Gemeinsam proben sie in einer bunten Mischung von Violine über Saxophon bis zur E-Gitarre Klassiker wie „Tango Jealousie“ oder „Strangers in the night“. Umgeben sind sie dabei von einem bemerkenswert ausgestatteten Musikraum: Locker 40 Gitarren, zehn Geigen, Klavier, Schlagzeug, ein kleines Tonstudio mit modernen Mikrofonen und, und, und. Auch das gelungene Zusammenspiel kann sich hören lassen — was umso beeindruckender ist, wenn man weiß, dass die ganze Probe zwar in der Schulzeit, jedoch ohne eine einzige Lehrkraft stattfindet. Sind die Schüler in Finnland vielleicht eigenständiger als andere?

Vier Tage verbrachte ich in Helsinki, um dem finnischen Schulsystem auf den Zahn zu fühlen. Ich wollte herausfinden, was die Finnen eventuell besser machen, als die Deutschen. Was mir insgesamt auffällt: Die Finnen scheinen einander zu vertrauen und Verantwortung abzugeben. So ist jede staatliche Schule in Finnland sehr autonom und hat große Entscheidungsbefugnisse. Beispielsweise was die Verwendung der Finanzen anbelangt. Dabei ist neben der Schulleitung auch ein Rat von Schülern involviert. Moustafa, ein 15-jähriger Schüler der Hiidenkivi Schule, erzählt, wofür die rund 6.000 Euro verwendet werden, über die allein die Schülerschaft jährlich verfügen kann: „Wir haben Fußbälle für die Pause angeschafft, einen Zauberer und einen Rapper für eine Schulfeier engagiert. Aber das meiste Geld geht meistens für die Filmlizenzen von Hollywoodfilmen drauf, damit wir in den letzten Schulstunden vor den Ferien Filme gucken können. Da wird sowieso kaum noch Unterricht gemacht.“

Die 23-jährige Emma studiert in Helsinki Finnisch und Literatur. Sie erzählt uns, warum sie Lehrerin werden möchte. (Bild: Kimmo Brandt für die Stadt Helsinki)

Seine Antwort beruhigt mich ein wenig und zeigt mir, dass auch in Finnland die Schüler und Lehrer normale Menschen sind. Doch sind die Lehrer dort vielleicht trotzdem insgesamt motivierter als bei uns? Emma Perälä, eine 23-jährige Lehramtsstudentin in Helsinki, erzählt mir: „Als Lehrer hat man einen immensen Einfluss auf das Leben der Schüler. Das ist eine gewaltige Verantwortung. Ich möchte ihnen ein gutes Vorbild sein und sie in ihrer Entwicklung fördern.“ Wenn ich nicht gerade für SHIFT durch die Welt reise, bin ich normalerweise selbst Lehramtsstudent. Und tatsächlich kenne ich auch in Deutschland einige Kommilitonen, die ähnlich motiviert sind wie Emma. Doch ebenso geläufig sind mir Aussagen wie „Schule kenne ich schon, fand ich ganz okay, deshalb wollte ich da bleiben“ oder „Lehrer haben einen sehr sicheren Job, der auch noch gut bezahlt wird“ als Begründungen für die Studienwahl. Solche Gründe sind unter finnischen Lehrern wohl kaum zu finden. Denn Karin Hannukainen, eine Sprecherin der Universität Helsinki, erklärt: „In das Lehramtsstudium reinzukommen ist schwieriger, als Medizin zu studieren. Dafür müssen Bewerber Tests bestehen und ein persönliches Interview zu ihrer Motivation absolvieren. Außerdem spielen Faktoren wie ehrenamtliches Engagement, aber auch die Abschlussnoten eine Rolle bei der Auswahl der Bewerber. Zuletzt hatten wir 1.200 Bewerber für 120 Studienplätze. Und von denen sind alle motiviert, keiner bewirbt sich da leichtfertig.“ Dementsprechend passt es ins Bild, dass die Lehramtsstudenten Professorin Malmivaara-Uusitalo zufolge die aktivsten Studenten der Uni Helsinki seien.

Die modernsten pädagogischen Konzepte

Die Viikin Normaalikoulu-Schule in Helsinki ist eine Übungsschule, deren Träger die Universität ist. Neben dem normalen Schulbetrieb hospitieren und unterrichten hier besonders viele Lehramtsstudenten. Entsprechend ist sie unmittelbar verknüpft mit der aktuellen Forschung und den neusten pädagogischen Konzepten. So erklärt mir Professorin Lotta Malmivaara-Uusitalo, warum sie für eine totale Inklusion wirbt. Schüler zu selektieren, geschieht normalerweise aufgrund ihrer Schwächen oder ihres Förderbedarfs. Professorin Malmivaara-Uusitalos Studenten hingegen lernen, wie sie Stärken der Schüler herausfinden und diese fördern können. Dies soll das Selbstvertrauen stärken und ermöglichen, dass jeder Schüler in seinen Fähigkeiten gefördert wird. Angetan von dem Ansatz, Stärken zu fördern, statt Schwächen hervorzuheben, erwarte ich gespannt ihr Konzept, wie dies von ein bis zwei Lehrern in einem Klassenraum mit über 20 Schülern umgesetzt werden kann. Vor der gleichen Frage steht aber auch die Professorin selbst: „Jeder Schulleiter und Lehrer findet das gut. Die Frage ist nur, wie es in den Lehrplänen und Unterrichtsstunden integriert werden kann.“

Etwas enttäuscht über die fehlende Lösung suche ich also nach anderen Konzepten, die das finnische System einzigartig machen. Dabei stelle ich fest, dass die neunjährige gemeinsame Grundschule in Finnland keineswegs unumstritten ist. Es wird über die Vor- und Nachteile von eingliedrigen und mehrgliedrigen Schulformen ebenso diskutiert, wie über die Relevanz der unterrichteten Fächer und Möglichkeiten, Unterricht fächerübergreifend zu gestalten.

Ein kostenloses Essen in der Schulkantine ist in Finnland selbstverständlich. (Bild: Kimmo Brandt für die Stadt Helsinki)

Kristian allein zu Haus

Auch die Finnen haben also noch nicht das perfekte Schulsystem gefunden. Stattdessen diskutieren sie die gleichen Ideen und Probleme wie die Deutschen. Doch auf ein Debattenthema warte ich erfolglos: Über Ganztagsschulen.

An allen Schulen ist es zwar üblich, dass ein für die Schüler kostenloses Mittagessen angeboten wird, doch Hausausgabenhilfe, Betreuung und Nachmittagsangebote? Die gibt es nicht, obwohl in Finnland üblicherweise beide Elternteile voll berufstätig sind. Was die Kinder nach der Schule dann machen? „Meine Kinder treffen sich mit Freunden, machen ihre Hausaufgaben oder spielen Computer. Viele Kinder haben auch viele Hobbys“, erzählt Ilppo Kiviniemi, Vizerektor der Hiidenkivi Grundschule. Ähnliche Antworten hört man überall. Auf die Frage, ob das nicht ein Problem sei, insbesondere bei sozial schwächeren Familien, heißt es: „Eigentlich nicht. Naja, vielleicht schon ein bisschen, viele Kinder spielen auch viel zu viel Computer. Und viele Kinder hängen einfach nur rum. Aber so ist das halt.“ Im Schulamt antwortet mir die Leiterin des Bildungsbereichs, Marjo Kyllönen, etwas eloquenter: „Die Familien sind ein fundamentaler Teil der Gesellschaft. Statt die Kinder dem Familieneinfluss zu entziehen, müssen die Familien gefördert werden, indem sie Teil der Gesellschaft werden.“ Dieser Ansatz gefällt mir — sofern auch sozial schwächere Familien in diesen Gedanken einbezogen sind.

Eine aussterbende Handschrift

Dass die finnischen Schulen sehr modern sind, lässt sich keinesfalls abstreiten. Das zeigt nicht nur die moderne Ausstattung und die Selbstverständlichkeit, mit der neue Technologien im Unterricht eingesetzt werden. In einer Zeit des Wandels müssen natürlich auch neue Fähigkeiten erlernt werden. Doch um Neues im Unterricht unterzubringen, muss anderes gestrichen werden. Finnland hat befunden, dass die Schreibschrift obsolet sei und entschieden, an dieser Stelle zu kürzen. „Die in der Schule gelernte Schreibschrift ist eh eine künstliche Schrift, die kaum ein Erwachsener so verwendet, wie er sie gelernt hat“, sagt Emilia Aho, Klassenlehrerin einer zweiten Klasse der Hiidenkivi Grundschule. „Es kostet uns ein ganzes Schuljahr, diese Schrift zu erlernen.“ Sie dreht sich zu ihren Zweitklässlern um, die gerade Buchstaben nachzeichnen: „Es kommt nicht zur Abschaffung der Handschrift, aber dies sind die letzten finnischen Schüler, die eine vorgegebene Schreibschrift lernen.“ Heißt das, dass die folgenden Generationen der Finnen allesamt Grobmotoriker werden? Das glaubt Emilia nicht: „Um die Feinmotorik zu trainieren, gibt es auch andere Wege, als das Erlernen der Schreibschrift. Bestimmte Arbeiten am Computer sind da nur eine der Möglichkeiten.“

Die 18-jährige Finnin Petriina hat ein Auslandsjahr an einem Gymnasium in Nürtingen gemacht und vergleicht ihre Erfahrungen aus Deutschland und Finnland. Nach der Schule möchte sie gerne in Heidelberg Medizin studieren. (Bild: Kimmo Brandt für die Stadt Helsinki)

Der Eindruck, dass man sich in Finnland ausschließlich auf neue Technologien ausrichtet, täuscht jedoch. Denn ein Gut, dass die Finnen sehr hochhalten, sind Bücher. In fast jedem Stadtteil gibt es Bibliotheken, die tatsächlich stark frequentiert werden. „Deutsche können irgendwie nicht mit Büchern umgehen“, erzählt die 18-jährige Petriina. Die Finnin war für ein Auslandsjahr an einem Gymnasium in Nürtingen und vergleicht ihre Erfahrungen an der deutschen Schule mit denen in Finnland. „Hier haben wir Schulbücher und wenn ich mich auf eine Prüfung vorbereiten muss, arbeite ich die eben durch. In Deutschland kriegt man ständig Arbeitsblätter vorgegeben, jeder hat dicke Mappen und ich habe den Eindruck, dass deutsche Schüler überhaupt nicht wissen, wie sie mit Büchern umgehen sollen.“ Auch in der Kommunikation mit den Eltern stört Petriina die deutsche Zettelwirtschaft und lobt die Online-Plattform WILMA die in Finnland verwendet wird: „Darüber kommunizieren Lehrer unkompliziert mit den Schülern und Eltern. Es ist viel angenehmer, positives und negatives Feedback über WILMA zu bekommen, als wenn das wie in Deutschland alle Mitschüler mitkriegen.“

Gerne wäre ich nach meiner Finnlandreise mit der großen Erkenntnis wiedergekommen, was wir uns alles von den Finnen abgucken sollten und warum. Stattdessen muss ich bekennen: Ich begegnete denselben Diskussionen wie in Deutschland und wurde etwas desillusioniert. Allerdings bewundere ich den Mut, mit dem die Finnen neue Ideen umsetzten, ohne dabei Altbewährtes aufzugeben. Lieb gewonnen habe ich auch ihre Angewohnheit, sich grundsätzlich mit dem Vornamen anzusprechen — was auch für die Schüler gegenüber ihren Lehrern gilt. Und worüber wir in Deutschland wirklich mal nachdenken sollten: Ist es wirklich sinnvoll aufgrund einer Abschlussnote zu entscheiden, wer welchen Studiengang studieren darf? Oder ist es nicht doch langsam an der Zeit auch andere Kriterien als Hochschulzugangsvoraussetzung mit einzubeziehen?


Steffen Brondke (24) war von Anfang an begeisterter Shiftianer und nun der erste SHIFT-Praktikant. Als angehender Lehrer hofft er, später mal mit motivierten Kollegen zusammenzuarbeiten an einer Schule, in der die Schüler im Mittelpunkt stehen.

Bonustrack

Dieser Artikel ist einer von zehn Bonustracks zur gedruckten SHIFT-Ausgabe Vol. 3.


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