Sei reich und hilf anderen


May I have your attention, please: Um die Zeitschrift der Zukunft zu machen, wollen wir auch bei unserer nächsten SHIFT-Ausgabe wieder Kommentare der Vergangenheit abdrucken. Seid ihr dabei?
Worum es geht? Normalerweise veröffentlicht man zunächst einen Printartikel, zu dem es in der Folgeausgabe die Leserbriefe zu lesen gibt. Wir drehen den Spieß einfach um und lassen folgenden Artikel schon jetzt von euch kommentieren. Dazu klickt ihr einfach am gewünschten Absatz auf das kleine Plus-Zeichen rechts daneben und fügt eure Meinung hinzu. Eine Auswahl eurer Anmerkungen, die ihr direkt bei jedem Absatz rechts hinterlassen könnt, drucken wir dann in der kommenden SHIFT-Ausgabe ab.
In diesem Sinne — Bühne frei für Jürgen Vielmeiers Artikel und euren Senf dazu.

Wenn wir mehr Geld auf dem Konto horten, als wir jemals ausgeben können, tun wir anderen und uns selbst keinen Gefallen. Wir müssen es sinnvoll investieren. Also sichert euch selbst ab, aber dann sorgt dafür, dass wieder Geld unter die Leute kommt.

Wenn wir ehrlich sind weiß jeder von uns genau, wie reich er ist. Wir waren in reicheren und ärmeren Ländern im Urlaub, kennen Menschen, denen es finanziell noch besser und noch schlechter geht als uns. Wir sollten unseren relativen Reichtum ganz gut einschätzen können, und doch vergleichen wir eher in die falsche Richtung: „Ich? Ich verdiene doch nur 100.000 im Jahr, mein Kollege 150.000. Frag mal den!“

Was uns dafür allen klar ist: wie wenig zu wenig ist. Wer Hartz IV bekommt, der ist nicht nur finanziell gesehen ein armes Schwein, er wird nicht selten auch gesellschaftlich ausgegrenzt. Noch ärmer ist folglich der, der nicht einmal eine staatliche Grundsicherung genießt, zu wenig zu essen und keinen Zugriff auf ein Gesundheitssystem hat.

Einig sind wir uns sicher darin, dass Armut immer schlecht ist. Sie ist nicht nur menschenunwürdig, sie bremst auch, lähmt uns, stempelt uns ab. Dennoch finde ich die Diskussion darüber, wer zu reich ist und wer nicht, schlicht zynisch. Einem Bill Gates, einem Richard Branson oder einem Warren Buffett jubeln wir zu, wenn wir einmal jährlich die Liste der reichsten Menschen der Welt durchgehen. Aber der Manager, der zwei Millionen im Jahr verdient, soll zu reich sein? So einfach ist es doch auch wieder nicht.

Eine gesunde Gesellschaft funktioniert nicht ohne Reichtum

Warum sollte jemand nicht ein paar Millionen im Jahr verdienen dürfen, wenn er ein Produkt verkauft, das jeder liebt? Wenn er damit fair bezahlte Arbeitsplätze schafft und wenn er damit ein Stück der Ungerechtigkeit in dieser Welt wieder ausgleicht — dann geht es gar nicht ohne reiche Unternehmer.

Eine andere Frage erscheint mir aber viel wichtiger: Wie glücklich ist jemand, der reich ist? Wenn er sich nach seinem Ferrari auch noch einen Maserati gekauft hat und drei Millionen auf der Bank hortet — macht ihn das wirklich glücklicher? Die Antwort erforschte der Ökonom Richard Easterlin in den 1970er Jahren. Das eindeutige Ergebnis: nicht für lange. Der Psychologe Thomas Gilovich, der sich seit Jahrzehnten mit dem Thema Glück beschäftigt, rät deswegen dazu, lieber in Erlebnisse zu investieren. Anders als Dinge würden sie ein Teil von uns und das mache uns schließlich glücklicher.

Aber erfordern Erlebnisse — abgesehen vielleicht von einem vierwöchigen Einsiedlerurlaub in der arktischen Wildnis — nicht ohnehin die Präsenz anderer Menschen? Das gegenseitige Geben, Nehmen, sich Helfen? Geht es nicht sogar nur dann, wenn man keine finanziellen Sorgen hat? Ein deutscher Geschäftsmann, der bei heutigen Lebenshaltungskosten nur 1.000 Euro im Monat umsetzt, wird all seine Energie darauf verwenden müssen, sich selbst über Wasser zu halten. Er hat gar nicht die Möglichkeit, sich um andere zu kümmern. Schafft er den Durchbruch und nimmt plötzlich 10.000 Euro im Monat ein, kann er Arbeitsplätze schaffen, andere Menschen beschäftigen, Existenzen fördern. Durch seinen Reichtum kann er anderen helfen.

Das Leben der Anderen ist uns fremd

Warum dann gefühlt so wenige Reiche von ihrer fantastischen Möglichkeiten, die Welt zu verbessern, Gebrauch machen? Meiner Erfahrung nach, weil man sich schwer in andere hineinversetzen kann. Wisst ihr, wie es sich anfühlt, nicht genug zu essen zu haben? Oder auch — die andere Seite — mehrere Millionen in bar oder Anlagen zu haben und in ständiger Angst davor zu leben, jemand würde es euch wegnehmen? Auch Luxusprobleme sind Probleme.

Im Prinzip ist es einfach: Werde nicht so reich, dass dich der Reichtum belastet. Und wenn du nicht weißt, wohin mit deinem Geld, dann hilf anderen — auch um selbst glücklicher zu werden. In einem chinesischen Sprichwort heißt es: „Wenn Du für ein Jahr glücklich sein willst, erbe ein Vermögen. Wenn Du ein Leben lang glücklich sein willst, hilf einem anderen Menschen.“

Oder gleich mehreren. Die oben erwähnten Milliardäre Bill Gates und Warren Buffett wollen ihren Nachfahren nach ihrem Tode nur einen vergleichsweise kleinen Teil ihres Vermögens hinterlassen. Den Löwenanteil von etlichen Milliarden Dollar wollen beide in Gates’ eigene Stiftung einbringen, die an Heilmitteln für tödliche Krankheiten wie AIDS und Tuberkulose forscht. Reichtum bedeutet Verantwortung — zumindest einige haben das erkannt.


Jürgen Vielmeier (37) ist freier Technikjournalist in Bonn. Analog zum Medienwandel musste er sich in den vergangenen Jahren viel mit dem Thema Geld beschäftigen. Er hat mittlerweile genug davon.


One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.