Tough Love

Nachgefragt bei Bénédicte Desrus


Casa Xochiquetzal ist ein Heim für alternde Prostituierte in Mexico City. Die Frauen, die hier leben, wurden von der Gesellschaft geächtet, oft von ihren Familien zurückgewiesen und haben keinen Ort zum Schlafen. Einige von ihnen hatten auch kein Geld und waren dadurch gezwungen sich weiterhin zu prostituierten — um zu überleben. Casa Xochiquetzal bietet diesen Frauen ein Zuhause: ein Dach über dem Kopf, Essen, medizinische und psychiatrische Hilfe, Bildung und Anleitung zu Handarbeiten, damit sie sich selbst versorgen können und nicht länger ihre Körper verkaufen müssen. So gibt ihnen Casa Xochiquetzal auch die Möglichkeit, Würde zurück zu erlangen.

Die in Mexico City lebende Fotografin Bénédicte Desrus verbrachte sieben Jahre damit, das Leben der Bewohnerinnen zu fotografieren. Nach vier Jahren entschied sie sich, eine Autorin hinzuzuziehen, „denn ihre Geschichten nur in Fotos zu erzählen, war nicht genug.“ Celia Gómez Ramos, eine mexikanische Autorin, begann die Frauen zu interviewen und schrieb ihre Geschichten auf. Gemeinsam entschlossen sich Desrus und Gómez Ramos, die gesammelten Bilder und Geschichten in dem Buch Las Amorosas Más Bravas zu veröffentlichen. Mit SHIFT sprach Bénédicte Desrus über die bewegende Zeit in Casa Xochiquetzal.

Wie hat die Arbeit während dieser sieben Jahre deine Sicht auf Frauen in der Prostitution verändert?

Heute habe ich eine sehr andere Sicht auf die Realität der Prostitution, an die ich früher nie gedacht hatte. Was passiert mit Prostituierten, wenn sie alt werden? Ich hatte viele Reportagen von Frauen gesehen, die auf der Straße arbeiten. Aber nicht über alte Prostituierte, wenn sie in den Ruhestand gehen oder sich das Lebensende nähert. Als ich in das Heim kam, entdeckte ich starke und unabhängige Frauen. Ich habe so viel von ihrer Würde, ihrem Humor und ihrem Esprit gelernt. Sie können uns wirklich viel lehren.

Wie ist es dir gelungen, das Vertrauen der Frauen zu gewinnen?

Da ich wusste, dass ich dort viel Zeit verbringen würde, war es für mich wichtig, zunächst eine Beziehung zu den Frauen aufzubauen und im Grundsatz zu verstehen, wo sie im Leben stehen, bevor ich Fotos machte. Manchmal habe ich Wochen mit ihnen verbracht, ohne sie zu fotografieren. Am Anfang wollte kaum eine Frau, dass ich sie fotografiere. Ich habe sie nur fotografiert, nachdem sie mir die Erlaubnis dafür gegeben hatten. Sie fragte mich oft, warum ich sie porträtieren wollte. Ich erinnere mich, dass zum Beispiel Reynita, eine der Bewohnerinnen, mich fragte: „Warum möchtest du so viele Fotos von uns machen, obwohl wir alt und hässlich sind?“ Mich brachte das zum Lachen. Die Frauen haben so einen tollen Sinn für Humor! Ich habe einfach Zeit mit ihnen verbracht, war jede Woche da. Ich habe an ihren Aktivitäten im Heim teilgenommen, mit ihnen mittaggegessen etc. Und nach und nach haben sie mich in ihre Zimmer eingeladen. Ich denke, nachdem ich viele Jahre dort verbracht hatte, haben sie meine Kamera irgendwann vergessen.

Gibt es ein Erlebnis, das dich besonders berührt hat?

Ja, solche Erlebnisse gab es. Während dieser sieben Jahre bin ich zwar oft mit den Frauen in der Nachbarschaft rund um das Heim herumgelaufen, habe Hotels besucht, in denen sie arbeiten, jüngere Prostituierte getroffen, einige ihrer Kunden. Aber ich habe dort nicht fotografiert. Denn mein Fokus lag darin, das alltägliche Leben der älteren Frauen im Heim zu dokumentieren — mit einem intimen Einblick. Ich durfte von einigen auch das Ende ihres Lebens fotografieren. Denn auch das ist ein Ziel des Heims: Den Frauen Frieden für den Tod zu geben. Sie wissen, dass sie hier am Ende nicht alleine sterben oder auf die Straße geschmissen werden. Ein Erlebnis, das mich besonders berührt hat, waren die letzten Fotos, die ich von Reynita gemacht habe, wie sie sich quält und dann später in dem Heim gestorben ist. Ich habe das Gefühl, dass die Frauen verstanden haben, warum ich da war, als sie mich den Tod fotografieren sahen.

Interview: Debora Höly


Bénédicte Desrus (39) ist eine preisgekrönte Dokumentarfotografin ansässig in Mexico City. Sie hat in Europa, Ostafrika, den USA und Lateinamerika gearbeitet. Ihr Schwerpunkt liegt auf humanitären und sozialen Problemen. Sie verbringt oft Monate mit den Menschen, die sie fotografiert.


Für mehr Informationen des zweisprachigen (Spanisch-Englisch) Buches Las amorosas más bravas kontaktiere bitte: proyecto.xochiquetzal@gmail.com. Ein Teil des Verkaufes wird an die „Casa Xochiquetzal” gespendet.

Bonustrack

Dieser Artikel ist einer von vier Bonustracks zur gedruckten SHIFT-Ausgabe Vol. 2. Die Ausgabe enthält eine Fotoreportage von Bénédicte Desrus sowie eine Reportage von Anja Reiter zu Casa Xochiquetzal.


One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.