„Urlaub? Da würde ich verrückt werden!“

Jeder Mensch braucht Erholung. Nicht so Johannes Adam. Der Gründer einer Firma für Brandschutztechnik war noch nie im Urlaub. Wie macht er das? Und vor allem warum?

Herr Adam, man hört ungewöhnliche Dinge über Sie. Es heißt, Sie hätten in Ihrem Leben noch nie einen Tag Urlaub gemacht. Stimmt das?

Ja, da liegen Sie richtig. Ich komme aus einem landwirtschaftlichen Betrieb, in dem ich bereits als Kind und Jugendlicher in den Ferien helfen musste. Das fand ich gut. In der Ausbildung zum Maschinenbauschlosser und im Brandschutzbereich merkte ich: Es macht mir nichts aus, auch am Samstag und Sonntag zu arbeiten. Seit der Gründung meiner Firma 1978 bin ich fast rund um die Uhr im Einsatz. Im Betrieb weiß jeder, dass ich immer da bin. Arbeit macht mir Freude, sie ist keine Last.

Was sagt Ihre Familie dazu?

Die kennen das schon und haben es akzeptiert. Alle wissen, dass Papa nie Urlaub macht. Meine Kinder sind zufrieden mit mir. Und meine Frau? Sie spürte frühzeitig, dass ich ein Arbeitstier bin, und arrangierte sich damit. Seitdem die Kinder aus dem Haus sind engagiert sie sich in Vereinen.

Wie sieht denn ein normaler Arbeitstag aus?

Ich arbeite jeden Tag, auch am Wochenende, und stehe um 6 Uhr auf. Danach frühstücke ich ausgiebig mit meiner Frau und fahre dann in den Betrieb. Um 17 Uhr gibt es zu Hause Abendessen. Anschließend gehe ich wieder in den Betrieb und arbeite dort bis 0:30 Uhr. Später wird im Bett gelesen und das Licht gegen 1:30 Uhr gelöscht. Nur an Sonntagen nehme ich mir zwei bis drei Stunden Zeit und genieße diese mit meinen vier Enkeln. Das ist meine Erholung.

Ein Bergurlaub oder planschen im Meer: Das fehlt nicht?

Nein, dort würde ich verrückt werden. Nichtstun ist nicht so meins. Nehmen Sie beispielsweise unsere Ferienhäuser: Ich bin mit der Familie oft mit dem Auto dorthin gefahren. Als wir ankamen, setzte ich alle dort ab, winkte und fuhrt sofort wieder in den Betrieb. Auch wenn ich privat unterwegs bin, versuche ich immer eine Aufgabe mit zu erledigen, die mit dem Betrieb zu tun hat. Ich muss etwas tun.

Sie werden auch nicht müde, wenn es im Betrieb hoch hergeht?

Nein. Ich fahre beispielsweise mit dem Firmenwagen jährlich etwa 80.000 bis 100.000 Kilometer. Was passieren kann: Bei einem Durchhänger fahre ich auf den Rastplatz und schlafe dort fünf bis zehn Minuten im Auto. Das reicht mir.

Treiben Sie Sport?

Während der Bundeswehrzeit und Lehre machte ich täglich Sport, zum Beispiel Judo, Karate oder Fußball. Das endete erst 1983, als ich unser Haus baute. Heute habe ich für Sport keine Zeit mehr.

14 bis 16 Stunden Arbeit, auch am Wochenende: Wie sieht es mit Krankheiten aus? Oder Abwesenheiten? Geht es Ihnen gut?

Mein Arzt sagt, dass ich zu 100 Prozent gesund und leistungsfähig bin. Auch meine Blutwerte sind in Ordnung, alles bestens. Ich habe 44 Jahre lang ehrenamtlich bei der Freiwilligen Feuerwehr gearbeitet und den Pflichtdienst nicht einmal versäumt. Für die Freien Wähler arbeite ich im Stadtrat und habe noch nie wegen Krankheit oder Urlaub gefehlt. Einmal entdeckte der Arzt Nierensteine. Nachdem er sie zertrümmert hatte, saß ich wenig später wieder am Schreibtisch. Oder meine Leisten-OPs: Um 7:30 Uhr lag ich unter dem Messer, mittags marschierte ich schon wieder zur Bank und holte persönlich die Kontoauszüge ab. Darauf bin ich nicht stolz. Ich denke nicht darüber nach, dass ich mich schonen müsste. Ich fühle mich einfach wohl.

Millionen Deutsche landen mit Depressionen oder erschöpft in Kliniken. Irgendetwas machen Sie anders. Gibt es eine Erklärung dafür?

Kaum endet der Urlaub meiner Mitarbeiter, höre ich von ihnen nach einer Woche im Betrieb schon wieder: „Oh Chef, ich bin urlaubsreif. Das war alles Stress.“ Vor ein paar Tagen brachte ich meine Schwiegertochter und die Enkel zum Frankfurter Flughafen. Dort schaute ich mir die Urlauber an. Es kam mir vor, als würde man Hühner dort durchtreiben. Ich muss nicht zum Flughafen fahren, um dort einen Parkplatz zu finden und stehe in keiner Schlange am Zoll oder dem Gepäckband. Es ist gut, dass es Urlaubsmöglichkeiten gibt. Aber das ist nichts für mich. Was soll ich in Tunesien? Es wäre ein Zwang. Dann kann ich nicht mehr das tun, was ich möchte. Meine persönliche Freiheit ist sehr wichtig.

Bekommen Ihre Mitarbeiter problemlos Urlaub und Urlaubsgeld? 
Sicher, damit habe ich kein Problem. Und es freut mich für sie.

Wie lange möchten Sie noch arbeiten, Herr Adam?

Zehn Jahre sehe ich mich noch im Betrieb. Ob das im heutigen Ausmaß stattfindet, weiß ich noch nicht. Es sieht so aus, als ob mein Sohn die Firma übernehmen wird.

Dann sind Sie Rentner: Gibt es Pläne oder Ideen für die bürolose Zeit?

Gestern sagte ich zu meiner Frau: Wenn ich Rentner bin fahren wir nach Hamburg und besuchen ein Musical. Ich möchte andere Dinge erleben und bin offen für Neues. Heute will ich das tun, was mir gefällt. Es fehlt mir an nichts, ich bin glücklich.


Bild: Freie Wählergruppe

Johannes Adam, 64, gründete sein Unternehmen „Johannes Adam Brandschutztechnik“ vor 36 Jahren im süddeutschen Städtchen Grünstadt. Er ist seit 34 Jahren verheiratet und hat zwei Kinder. Urlaub ist ihm nicht so wichtig, dafür nimmt er sich gerne am Sonntag Zeit für die Enkel.


Matthias Lauerer (39) folgte seiner Neugier — und wurde Reporter. Nach dem Journalistikstudium in Dortmund schreibt er heute am liebsten über Gesundheitsthemen und die Sonderlichkeiten des Lebens.

Bonustrack

Dieser Artikel ist einer von sechs Bonustracks zur gedruckten SHIFT-Ausgabe Vol. 4.


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