Wann bin ich wirklich?

Viele Menschen suchen ihre Erfüllung heutzutage in der Arbeit. Selbstverwirklichung ist dadurch zum Erwerbsszenario verkommen. Warum uns das unfrei macht.

Die Deutschen lieben ihre Arbeit, kaum etwas anderes ist ihnen so wichtig. „Es ist Liebe“ betitelte die Wochenzeitung „Die Zeit“ unlängst diese Erkenntnis, das Ergebnis einer groß angelegten repräsentativen Bevölkerungsumfrage in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und dem Bonner Sozialforschungsinstitut Infas. 85 Prozent der Befragten ist es demzufolge „sehr wichtig“ erwerbstätig zu sein. Für viele, heißt es in dem Text, ist Arbeit nicht mehr nur Last, sondern auch Lust. „Die meisten Menschen suchen bei der Arbeit heute nicht nur Geld und nicht unbedingt Karriere“, zitiert die Zeitung die WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger. Stattdessen sei ihnen wichtig: Nähe zu den Kollegen, Zusammenarbeit, Sinnstiftung.

Glaubt man Volker Kitz, steuern sich viele damit geradewegs ins Unglück. Auf „Spiegel Online“ verfasste der Jurist und Autor vor nicht allzu langer Zeit eine Art Plädoyer für die Unbedeutsamkeit der Arbeit. Die Kernaussage: Wer zu viel von seinem Job verlangt, überfordere sich selbst: „Nichts gegen Menschen, die ihr Glück in der Arbeit finden. Wir freuen uns von Herzen über jeden Chirurgen, der seinen Kindheitstraum verwirklicht. Aber wir dürfen nicht so tun, als wäre das normal. Wir dürfen das nicht zur Messlatte erheben, an der die Mehrheit der Berufstätigen jeden Tag zerbricht.“

In der Diskussion über Karriere ist Selbstverwirklichung zur Universalantwort geworden. Gerne mit der sogenannten Generation Y in Verbindung gebracht, die mehr will als abgetretene Stufen einer Karriereleiter hochzuklettern, fordert der Begriff individuelle Arbeitsmodelle, Herausforderungen. Jeder Job muss zum eigenen Charakter passen, der Chef auch Freund und Mentor, der Kollegenkreis eine zweite Familie sein. Alles darunter ist Zeit-, ja, Lebensverschwendung. Das Motto der Generation: „Yolo — you only live once.“ Schon versuchen Unternehmen ihr „Employer Branding“ auf die neuen Bedürfnisse des Talentmarktes anzupassen, enthusiastische Studenten gründen Start-ups und Social Businesses, ihr Motto: Es ist nicht mehr unmöglich, seinen Traum zu leben. Die Welt ist voller Möglichkeiten, sie ist ein Dorf und wir haben den Schlüssel zu jedem Haus — ihr müsst ihn nur wollen.

Selbstverwirklichung ist dadurch zu einem reinen Berufsmoment verkommen. Die Annahme: Wer in seiner Arbeit mehr sieht als Broterwerb, kommt sich selbst am nächsten. Karl Marx hätte seine Freude daran gehabt. Der (Denk-)Fehler liegt dabei in der Auslegung des Begriffs. Die Realisierung der eigenen Talente und Beschaffenheiten ist ein weitaus größeres Unterfangen, als uns die moderne Arbeitswelt weismachen möchte. Indem wir uns darauf begrenzen, schränken wir die eigene Individualität sogar ein. Wir halten uns selbst gefangen. Tatsächlich geht es in dieser Debatte um mehr, als den Beruf zur Berufung werden zu lassen, es geht um das gute Leben an sich. Bis heute scheint die Frage danach nicht zufriedenstellend beantwortet, was man auch daran erkennt, dass selbst die hohe Politik großflächig danach sucht: 2015 begab sich die Bundesregierung in einen nationalen Bürgerdialog, um herauszufinden, wie sich die Deutschen das gute Leben vorstellen. Sie will ihren Bürgern dabei helfen, mit ihrem Alltag — und natürlich ihrer Staatsführung — zufrieden zu sein. Die Ergebnisse samt Handlungsempfehlungen für Politik und Menschen werden für das zweite Quartal 2016 erwartet (noch liegen sie nicht vor, Anm. d. Red.).

Die Antwort mutet heute komplexer an denn je. Es gab eine Zeit, da war das einfacher: Hierzulande bedeutete ein gutes Leben vor einigen Jahrzehnten noch Wohlstand, Gesundheit, Frieden, Freiheit. Diese Werte zählen nach wie vor, mit dem einzigen Unterschied, dass viele sie bereits leben dürfen. Was aber, wenn man das alles erreicht hat? Wenn ich mich versorgt habe, meine körperlichen Leiden behandeln und meine Liebsten um mich versammeln kann: Ist dann nicht alles erreicht? Es ist diese Stufe, auf der das Individuum in den Vordergrund rückt — und wir beginnen, an uns selbst zu verzweifeln.

Der US-amerikanische Psychologe Abraham Maslow hat diesen Umstand anschaulich erklärt. In seiner Theorie treiben den Menschen verschiedene Formen von Bedürfnissen an. Maslow setzte sie in seiner Bedürfnishierarchie in Beziehung zueinander. An erster Stelle stehen darin physiologische Grundbedürfnisse wie atmen, trinken oder schlafen. Es folgen Sicherheitsbedürfnisse, soziale Bedürfnisse wie Liebe und Individualbedürfnisse, etwa der Wunsch nach Erfolg und Unabhängigkeit oder Ansehen. Wenn all diese Bedürfnisse einigermaßen befriedigt sind, entwickelt der Mensch laut Maslow das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung: den Wunsch, das eigene Potenzial auszuschöpfen.

Wann sind wir mehr als eine Idee unserer selbst?

Doch folgt man der Logik des Begriffes, geht es dabei um nicht weniger als die Realität der eigenen seelischen Existenz. Selbstverwirklichung suggeriert einen Zielmoment, einen Endzustand, in dem wir erst real werden. Diese Annahme findet man schon in früheren philosophischen Schriften, wenn auch nicht unter demselben Begriff. Der deutsche Idealist und Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel etwa führte die Misere einst vor Augen. Er vertrat die Auffassung: Ohne jede weitere Bestimmung sei das reine Sein nichts anderes als das Nichts. Anders ausgedrückt: Solange wir nicht alles tun, um der eigenen Beschaffenheit gerecht zu werden, sind wir weder Mensch noch Tier, wir sind Nichts. Wie also werde ich wirklich? Und ab wann bin ich mehr als nur die Idee von etwas, was ich versuche zu sein?

Viele Menschen suchen ihr ganzes Leben lang nach dieser einen Idee von sich selbst. Aber nicht nur die Persönlichkeit ist ein zutiefst dynamisches Wesen, dessen Wünsche sich im Laufe des Lebens, mitunter minütlich, wandeln können. Auch die Welt um uns herum wird immer komplexer. Das ist toll, weil wir immer genauer auf unsere Beschaffenheiten eingehen können. Es fordert uns aber auch immer stärker heraus — und führt im schlimmsten Fall zur totalen Apathie oder Willkürlichkeit. Wer heute studieren will, hat jedes Semester mehr Studienfächer zur Auswahl. Wer einen Kaffee bestellt, kann nicht nur zwischen Filter, French-Press oder Vollautomat entscheiden, er muss auch zwischen Soja-, Voll-, fettarmer oder laktosefreier Milch wählen — die Kaffeesorten hier mal ausgespart.

Ein Mehr an Möglichkeiten aber erschwert auch jede Entscheidung. Empirische Studien haben nachgewiesen, dass das intuitive Entscheidungssystem des Menschen nur bis zu einer bestimmten Zahl an Wahlmöglichkeiten funktioniert. Je mehr es werden, desto willkürlicher wird die Auswahl. Unser System kann all die Optionen nicht erfassen. Gleichzeitig steigt mit jeder zusätzlichen Möglichkeit die Frustration darüber, auf was man dadurch verzichtet. Denn unsere sogenannte „Multioptionsgesellschaft“, wie sie der Schweizer Soziologe Peter Gross in den 90er Jahren bezeichnete, ist geprägt von Kontingenz: Alles kann auch anders sein — die eigene Identität, das soziale Umfeld, der Lebenslauf, meine Überzeugungen und Wünsche. Hannah Arendt beschrieb das Risiko der Wahlfreiheit mal als „Tyrannei der Möglichkeiten“. Wer nicht aufpasst, erkrankt an Entscheidungsapathie. Der Unternehmensphilosoph Dominic Veken erkennt in dem Ziel der Selbstverwirklichung daher nicht mehr als einen „Irrtum der Menschheit“. Er sagt: „Der Drang nach Selbstverwirklichung führt zu einem erschöpften Selbst.“ Weil wir es nicht aushalten, der Mittelpunkt der Welt zu sein, weil wir all unsere Taten daran messen, wie sehr sie unser unfassbar wichtiges Selbst verwirklichen. „Wir überfordern uns damit komplett“, sagt Veken.

Selbstverwirklichung bedeutet auch Freiheit von sich selbst

Im Grunde geht es bei all unseren Sehnsüchten auch gar nicht so sehr um ihre Erfüllung. Glücksforscher haben herausgefunden, dass allein die Hoffnung darauf uns glücklich macht. Mit anderen Worten: Ein Traum behält so lange seine emotionale Kraft, bis er Wirklichkeit wird. Es spricht natürlich nichts dagegen, sich selbst und seine Wünsche wahr werden zu lassen. Aber nicht jeder, der keine größeren Lebensträume hegt und diese auch noch in seiner Arbeit verwirklichen will, führt ein schlechteres Leben — oder ist automatisch unglücklich.

Im Gegenteil. In Wahrheit sind wir mitnichten so individuell, wie wir es gern hätten. Studien zufolge machen uns meist dieselben Dinge glücklich: einem Hobby nachgehen, Sport treiben, Freunde treffen, Abwechslung im Alltag. Der perfekte Tag, ein Konstrukt, das der Wirtschaftswissenschaftler Ronnie Schob von der Freien Universität Berlin mit seinem Team auf Basis von Studien zu Tagesverläufen entwickelt hat, besteht aus 106 romantischen Minuten mit dem Partner, 82 Minuten mit Freunden, 78 Minuten für Entspannung, 47 Minuten für Hausarbeit. Für Arbeit bleiben gerade mal 36 Minuten.

Aber Mainstream war noch nie besonders cool und deswegen suchen viele unermüdlich nach dieser einen, ihrer Bestimmung. Weil sie als Individuum anerkannt werden, weil sie mehr bedeuten wollen als ein weiterer Körper, der Nachkommen produziert — wenn überhaupt. Das aber kann auf ganz unterschiedliche Weise passieren, und keine davon macht einen Menschen in irgendeiner Weise unwirklicher. Vielleicht ist Selbstverwirklichung daher gerade das: sich frei zu machen von sich selbst und dem Druck, immer mehr und anders zu sein, als man gerade ist. Weil Selbstverwirklichung nicht nur Prozess, sondern auch Zustand ist, und Realität bedeutet, auch mal unzufrieden zu sein — mit der Arbeit und sich selbst. Auch Maslow erweiterte seine Bedürfnishierarchie kurz vor seinem Tod um eine Stufe: die Transzendenz. Der Überfixierung des Selbst folgt seiner Theorie zufolge eine Befreiung davon. Wer seine Wünsche ansatzweise befriedigt hat, wird natürlicherweise einen ganz anderen Mittelpunkt suchen als sich selbst — einen übergeordneten Sinn. Der darf dann ruhig in der Arbeit liegen, aber er muss es nicht.

Dieser Artikel ist zuerst in absatzwirtschaft 4 2016 erschienen.


Julia Wadhawan (29) lebt und arbeitet als freie Journalistin in Hamburg und fühlt sich dabei ziemlich wirklich, auch wenn sie immer wieder nach diesem „Selbst“ sucht, von dem alle sprechen. Ihre wichtigste Erkenntnis bei der Recherche zu diesem Text: Wer (gelegentlich) weniger denkt, ist (womöglich) länger glücklich.

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Dieser Artikel ist einer von sechs Bonustracks zur gedruckten SHIFT-Ausgabe Vol. 4.