„Warum sollte ich nicht Deutsch lernen wollen?“

Ihre Familie lebt in Syrien, die meisten ihrer Freunde in Saudi-Arabien. Die 15-jährige Beilsan Al-Obeid ist seit anderthalb Jahren in Deutschland und hat ein Ziel: Sie möchte Journalistin werden — und dann zurück nach Syrien gehen.

Sie war 14 Jahre alt, als sie mit ihrer siebenköpfigen Familie nach Deutschland kam. Ursprünglich aus Syrien, hatte Beilsan zu dem Zeitpunkt bereits mehrere Jahre in Saudi-Arabien gelebt, wo ihr Vater als Arzt arbeitete. Dort ging Beilsan auf eine Privatschule und war mit zehn anderen Mädchen in wesentlich kleineren Klassen als jetzt in Deutschland. Als der Vertrag ihres Vaters nicht mehr verlängert wurde und sie nicht zurück in ihre alte Heimat konnten, flohen sie nach Deutschland. An die erste Zeit in dem neuen Land kann sie sich noch sehr gut erinnern. „Die ersten sechs Monate waren sehr schlimm für mich“, sagt Beilsan. „Ich habe die anderen Menschen nicht verstanden, konnte mich nicht ausdrücken und habe kein Deutsch gelernt.“ Weil sie und ihr Bruder die einzigen Flüchtlingskinder auf einer Hauptschule in Merten waren, gab es keinen speziellen Deutschkurs für sie. Als sie auch nach einem halben Jahr noch kein Deutsch konnte, bestanden ihre Eltern darauf, dass die Kinder die Schule wechseln.

Beilsan redet gerne. „Das erste halbe Jahr in Deutschland konnte ich mich nicht mitteilen, das war schon hart“, sagt sie. Seit Februar 2015 geht Beilsan nun auf ein Gymnasium in Bornheim. „Ich kam dort gemeinsam mit anderen Flüchtlingskindern zuerst in eine internationale Klasse, wo wir nur Deutsch gelernt haben. Und nach etwa fünf Monaten wurden wir in die normalen Klassen eingeteilt.“ Inzwischen spricht die junge Syrerin relativ gut Deutsch, kann sich problemlos verständigen und beherrscht sogar schon einige umgangssprachliche Redewendungen. Doch dahinter steckt harte Arbeit. Immer noch hat sie mehrmals die Woche Deutschunterricht und übt zusätzlich zu Hause — auch wenn sie darauf nicht immer Lust hat. „Ich mache viele Übersetzungen — auch für andere Fächer“, erzählt sie. Besondere Schwierigkeiten bereiten ihr Mathe und Chemie, ihr Lieblingsfach ist Spanisch. „Ich hab mit Spanisch erst in Deutschland angefangen, aber ich liebe die Sprache!“, schwärmt sie. Neben Deutsch und Spanisch lernt Beilsan auch Englisch. Später einmal möchte sie Journalistin werden — die Sprachen werden ihr dann zugute kommen. Dieses Ziel spornt sie an.

Lehrer und Schüler ihrer neuen Schule schätzt Beilsan sehr. Sie fühlt sich wohl, hat Freunde gefunden und kommt inzwischen gut zurecht. Wenn sie die deutsche Schule mit ihrer alten in Saudi-Arabien vergleicht, fällt ihr vor allem eines auf: „Hier kann ich dem Lehrer auch widersprechen oder eine andere Meinung haben. Das konnte ich in Saudi-Arabien zwar auch, aber dort hätte ich mich nicht getraut, das auch zu sagen.“ Sie schätzt es vor allem, dass Menschen in Deutschland einander respektvoll begegnen.

Im Politikunterricht spricht die Klasse immer wieder auch über die Situation in Syrien, den Bürgerkrieg und die vielen Tote. „Das ist für mich sehr schwer“, sagt Beilsan betroffen. „Ich denke dann daran, dass ich hier bin und meine Familie größtenteils noch dort ist. Aber ich muss das alles auch hören und mich damit auseinandersetzen.“ Über den Bürgerkrieg in ihrem Heimatland informiert sie sich übers Fernsehen, Facebook und Twitter. Sie hofft, dass sie eines Tages in ihr Heimatland zurückkehren kann — als Journalistin. Aber bis dahin möchte sie in Deutschland bleiben und weiterhin fleißig lernen. „Ich bin in Deutschland — warum sollte ich nicht Deutsch lernen wollen? Ich möchte mit den Menschen reden können und sie verstehen. Und ich bin Deutschland sehr dankbar. Wir sind zwar hier als Flüchtlinge, aber wir fühlen uns nicht als solche.“


Debora Höly (30) ist freiberufliche Journalistin und war von Beilsans Zielstrebigkeit beeindruckt. Sie weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer ein Neuanfang in einem fremden Land sein kann.

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