#wirhabengenug


Wer konnte das ahnen? Wer konnte ahnen, dass das Flüchtlingsthema uns alle fest im Griff haben würde, als wir vor drei Monaten die nächste SHIFT-Ausgabe planten? Wer konnte ahnen, dass dieses Thema unser Land so sehr spalten würde? Wer konnte ahnen, dass wir mit SHIFT so aktuell sein würden?


Sicher, schon im Juni zeichnete sich ab, dass die Flüchtlingsthematik uns noch lange beschäftigen würde. Uns war klar, dass das Thema nicht nur heikel, sondern auch relevant ist. Es erfüllt jegliche Nachrichtenfaktoren — und ist zudem zeitlos, was uns bei SHIFT auch wichtig ist.

Also haben wir den Flüchtlingen zwei Artikel gewidmet. Einmal einen ausführlichen Hintergrundartikel und einmal ein langes Interview mit Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung. Anfang Juli recherchierten wir, lasen, überlegten — und interviewten. Ende Juli war alles fertig und es ging weiter zur Gestaltung. Und jetzt, Ende September, erscheint die neue Ausgabe zu einer Zeit, in der das Thema viel medienpräsenter ist, als wir im Juli je erwartet hätten.

Wir merkten sehr früh, dass Flüchtlinge ein immer wichtigeres Thema werden würde — und begannen in einer Linksammlung, lesenswerte Artikel zum Thema zusammenzutragen. Doch auch hier kamen wir schnell an unsere Grenzen, da die Ereignisse sich überschlugen. Wer nur wenige Tage lang im Urlaub keine News verfolgt, wird von der rasanten Entwicklung in den Medien fast abgehängt. Es war aber auch nicht unser Ziel, die rasante Entwicklung exakt zu dokumentieren und euch noch 500 weitere Artikel zu lesen anzubieten. Stattdessen wollten wir vielmehr einzelne Akzente setzen, Gedanken betonen und Vielfalt hinzufügen. Manche Inhalte mögen provokant sein, andere ermutigend, wieder andere bestätigend und wieder anderes überraschend. Unsere Linksammlung soll aufzeigen, wie facettenreich und komplex das Thema ist. Schwarzweißmalerei und Schubladendenken sind hier fehl am Platz.

Wir merken sehr stark, wie sehr uns alle die Flüchtlingssituation beschäftigt. Es gibt wohl niemanden, den das Thema kalt lässt — und niemanden, der dazu nicht eine eigene Meinung hätte. Auf der einen Seite geht es hier um Menschen, die zu uns kommen, weil sie verfolgt werden, in ihrem Heimatland Krieg herrscht, sie alles verloren oder keine Perspektive mehr haben. Auf der anderen Seite geht es um uns, die wir nun unser Land, unsere Häuser, unseren Wohlstand, ja alles teilen sollen. Und das macht vielen von uns Angst. Angst vor dem Unbekannten, Angst vor dem Verlust ihres Wohlstands, Angst vor den fremden Kulturen oder Angst vor dem Islamismus. Und dann wären da noch die Menschen, die Flüchtlinge weniger als Gefahr und mehr als Chance begreifen. Denen gegenüber stehen Menschen, die von ihrer Ideologie her ausländerfeindlich und rechtsradikal sind. (Und dann gibt es noch differenzierte Menschen, die in mehrere Schubladen gleichzeitig passen — oder umgekehrt in keine Schublade so richtig. Etwa diejenigen, die politisch gesehen unzufrieden mit der aktuellen Situation sind, aber gesellschaftlich gesehen auf die Flüchtlinge zugehen und tatkräftig mit anpacken. Also solche, die differenzieren oder sich zumindest darum bemühen. Oder diejenigen, die viel zu voreilig in die Nazi-Schublade gesteckt werden, aber in Wirklichkeit gar keine sind. Oder oder oder…)

Was dabei erkennbar wird: Die aktuelle Situation spaltet Deutschland. Die einen haben genug von dem unkontrollierten Zustrom an Flüchtlingen — die anderen haben genug von Feindbildern und Ablehnung gegenüber Ausländern und sind der Überzeugung, Deutschland habe genug Ressourcen, die vielen neuen Flüchtlinge aufzunehmen. Dazwischen gibt es wahnsinnig viele Schattierungen und Grauabstufungen. Kein Wunder, schließlich ist das Thema eines der komplexesten (neben beispielsweise dem Klimawandel oder der NSA-Affäre).

Umso passender also unser Titelthema #wirhabengenug: Das Thema ist zweideutig und bietet viel Raum zur Debatte — genau das, was wir uns wünschen. Schließlich wollen wir mit unseren Inhalten berühren, begeistern und bewegen. Und nichts bewegt uns derzeit so sehr wie das Flüchtlingsthema.

Überall wo ich hinkomme ist es DAS Thema. (Neuerdings auch in der Schweiz, wie ich vorletzte Woche erleben durfte). Das Verblüffende daran: Selbst die besten Freunde und Familien haben völlig verschiedene Ansichten, meist aufgrund von unterschiedlichen Artikeln und insbesondere aufgrund von unterschiedlichen Erfahrungen. Die einen sagen, die meisten Flüchtlinge seien Wirtschaftsflüchtlinge als dem Balkan, die anderen sagen, die meisten seien aus Afrika, wieder andere sagen sie seien aus Syrien… unabhängig davon, dass man solche Fakten meist noch relativ einfach klären kann, herrschen insgesamt überall Unklarheit, Zerrbilder, Ausschnitte, Fragmente.

Wir werden das Puzzle leider nicht vollständig zusammensetzen können. Wir werden es nicht schaffen, alle Informationen aufzusaugen, zu filtern und sortiert wiederzugeben. Aber wir können zumindest gemeinsam darüber reden und sagen, was es mit uns macht, was uns unklar ist, was wir uns wünschen würden. Wir können gemeinsam Fragen stellen, Nachdenken, Überlegen und Antworten suchen. Dadurch wird die Welt zwar nicht gleich besser, aber es bietet die Gelegenheit, einander zu helfen, Missverständnisse aus dem Weg zu räumen und die eigenen Ansichten auch mal zu überdenken. Und genau das brauchen wir: einen klaren Kopf mit differenzierter Haltung und scharfem Blick — nach vorne, lösungsorientiert, mutig und offen für Neues. Denn das Alte, so viel dürfte mittlerweile klar sein, hat nicht funktioniert und wird daher nie wieder so sein wie es mal war. Nun liegt es an uns, die Zukunft positiv zu gestalten. Das geht nur gemeinsam. Packen wir es an, denn: #wirhabengenug.

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