Wo die wilden Kerle wohnen


Ein Zufluchtsort für Kinder und Jugendliche: In der Arche kämpfen Eltern und Pädagogen täglich gegen materielle und emotionale Armut. Das geht ganz schön an die Reserven, macht aber ziemlich reich.


Ich treffe Samuel Kuttler an einem milden Freitagnachmittag. Mit dicker, schwarzer Brille, Jeans, wachen Augen und einem fröhlichen Grinsen begrüßt er mich. „Na, legen wir los oder was?“ Samuel Kuttler ist Sozialarbeiter beim christlichen Kinder- und Jugendwerk Die Arche in dem oft als Problemviertel verpönten Berliner Stadtteil Hellersdorf-Marzahn.

Während wir also loslegen und ich ihn zwei Stunden lang durch das riesige Gebäude begleite, hat er unzählige kleine und große Wuschelköpfe umarmt, ihnen ein ermutigendes Wort zugeflüstert oder gefragt, wie es denn gerade so in der Schule läuft. Der 35-Jährige kennt jedes Kind beim Namen.

Gesten zählen mehr als Geld

Gründer Bernd Siggelkow wurde mit sechs Jahren von seiner Mutter allein gelassen.

Die Arche existiert, weil die Mutter des Gründers Bernd Siggelkow ihn mit sechs Jahren allein ließ und nie wieder kam. Vierzig Jahre und viele verzweifelte Kindertränen später hat er ein Netzwerk mit 19 Standpunkten gegründet, in dem von mittags bis abends täglich mehr als 4.000 Kinder und Jugendliche betreut werden. Geholfen wird da, wo es brennt, und das ist jeden Tag woanders. Manchmal sind es Hausaufgaben, aufgeplatzte Knie oder auch schon mal Liebeskummer. Den Ausgleich zum Ernst des Lebens finden die Kleinen und Großen auf Fußballfeldern, im Toberaum oder in der Cafeteria.

Jeder Mensch sehnt sich nach Gesten von Zärtlichkeit, Grenzen und Geduld. Aber wer soll das übernehmen, wenn die eigenen Eltern es aus den unterschiedlichsten Gründen nicht können? Dieses Zärtlichkeitsvakuum wird hier, in einer ziemlich grünen, an ein Waldstück grenzenden Seitenstraße in Hellersdorf von Rentnern, jungen Berufseinsteigern, Praktikanten und Pädagogen so gut wie möglich gefüllt. Sie alle verzichten auf Schuldzuweisungen: „Wie willst du etwas geben, das du selbst nie bekommen hast?“, fragt Kuttler.

Einmal im Monat gibt es ein gemeinsames Frühstück, bei dem sich Eltern untereinander austauschen können oder Infoabende mit jemandem vom Jugendamt. Eltern und Mitarbeiter der Arche sitzen im selben Boot im Kampf gegen materielle und emotionale Armut. Da weiß man oft nicht, wo genau man anfangen soll, kann, darf.

Solche Geschichten erzählt Bernd Siggelkow auch in seinem neuen Buch „Ein warmes Essen und ganz viel Liebe“. Als Herzensvater von vielen Kindern, die sich viel zu gut mit Gewalt, Verwahrlosung und Hoffnungslosigkeit auskennen, ist auch er mit diesen Gefühlen bestens vertraut. Obwohl es zwischen den Zeilen von Happy Ends wimmelt, stecken heute viele Kinder in der Arche in Hellersdorf noch ganz oben auf dem Spannungsbogen fest — Ausgang ungewiss.

Alltagsschätze

Das Problem ist meistens komplexer als rote Zahlen auf dem Kontostand oder zu niedrige Hartz IV-Sätze. Oft fehlen Zeit und Aufmerksamkeit — Dinge, die viel wertvoller sind als Geld. In Siggelkows Buch steht zum Beispiel eines Tages Mario vor der Tür. Er fragte: „Dürfen hier nur arme Kinder rein?“ Nein, natürlich nicht. Ein paar Monate später hat Mario eine Menge neuer Freunde und fühlt sich plötzlich viel wohler in seiner Haut. Denn gerade die Gemeinschaft und Aufmerksamkeit der Arche-Mitarbeiter ist mit Geld nicht aufzuwiegen.

Man merkt Samuel Kuttler an, dass die Balance zwischen Nähe und der Distanz zu halten auch bei ihm manchmal nicht klappt. Für die Kinder ist das ein großes Glück.

Das erleben die Kinder auch bei meinem Besuch. Steinreich ist hier nämlich, wer als Elfjähriger bei „Arche sucht den Superstar“ mitmacht. „Na, schon geübt?“, fragt Samuel Kuttler im Gang. „Quatsch, du, heute sitze ich zum ersten Mal in der Jury“, sagt der Kleine. Hui, steile Karriere. Wegen all der Superstars ist heute in der Arche ganz schön Remmidemmi, aber es ist ja auch Freitag, da darf man die Hausaufgaben ruhig etwas aufschieben.

Zwei Stockwerke weiter unten ist die Schatzkammer — unter dem Café, wo es aber eigentlich nur Saft gibt, und unter dem Gruppenraum mit DJ-Pult. Hier findet man sorgfältig gewaschene und gebügelte Klamotten, jedes Kind darf sich einmal in der Woche ein Kleidungsstück aussuchen. Besonders während des kalten Berliner Winters ist die Schatzkammer so etwas wie ein Rettungsring. Warme Kleidung ist teuer, Kuttler erzählt davon, wie einer „seiner“ Jungs sich vor einigen Jahren morgens die Socken ausgezogen und sie auf dem Weg zur Schule kurz als Handschuhe verwendet hat. „Das war ihm schrecklich peinlich.“

Statt mit Geld zahlen die Kinder in der Arche mit Credit Points. Mit diesen Punkten kann man sich auf speziellen Flohmärkten reparierte Fahrräder kaufen oder eine „Die wilden Kerle“-DVD. Reich ist man hier also, wenn man so lange Hausaufgaben gemacht oder aufgeräumt hat, bis man sich einen Drahtesel leisten kann. Aber Geld ist lange nicht so wichtig wie Beziehungen und Liebe. Das klingt zwar wie eine Floskel aus einem Motivationsbuch, Siggelkow und Kuttler leben es aber ständig vor, sodass es irgendwann keine treffendere Beschreibung für ihre Arbeit gibt.

Kultur der zweiten Chance

Das Leben hat es so an sich, sich kein bisschen an Regeln, Lehrpläne oder sonstigen Pädagogenquatsch zu halten. Deshalb geht auch öfter mal was schief. Türen knallen, Kinder schlagen um sich, schwänzen die Schule, schreien Betreuer an, werden nach Hause geschickt. In der Schule würde man sie wohl abschreiben oder gleich abschieben, ohne nach einer passenden Lösung für Konzentrationsprobleme oder andere Ursachen zu suchen. Bei der Arche läuft das anders. Und das spüren die Kinder, sagt Kuttler. Hier gibt es zweite Chancen. Und dritte, und vierte. Manchmal ist eine davon mit schärferen Tönen verbunden. Das ist ein besonders großer Liebesbeweis, in einer Welt, in der der Alltag sonst von Gleichgültigkeit und ständiger Fernsehbeschallung geprägt ist.

Wenn die Hoffnung knapp wird

„Du bist mir wichtig, deine Zukunft ist mir nicht egal“, soll im täglichen Miteinander durchkommen. Natürlich sei die Arche keine Kaderschmiede für Abiturienten, ein Schulabschluss bleibt aber trotzdem immer das Ziel, so Kuttler. Wenn sich dann noch ein Praktikum ergibt, umso besser.

In der Cafeteria stochert Lukas gerade in seinem Mittagessen und erzählt etwas schleppend von seinen ersten Tagen als Praktikant in einem großen Drogeriemarkt. „Es läuft gar nicht mal so schlecht!“, grinst der 17-Jährige. Das vorherige Praktikum in einem Hotel war ein ziemlicher Reinfall. Mehr Worte will er eigentlich nicht verlieren, denn gegenüber sitzt ein feixendes Mädchen, das ihn und seinen Seelenfrieden wohl ziemlich auf Trab hält.

Manchmal nur, aber doch zu oft, gibt es sie: die Tage und Situationen, aus denen einfach nichts wird. Solche Alltagsdramen kennen weder im christlichen Kinder- und Jugendwerk noch im Bankenviertel Frankfurts ein Wochenende. Sie sind so leise, dass der Rest der Gesellschaft, das Jugendamt oder dieser unsägliche Bürokratieapparat leicht wegsehen können. Samuel Kuttler kümmert sich zwar auch um Papierkram, viel lieber aber um Kleinigkeiten, die oft Großes bewegen.

Gerade ist er dabei, einem Jungen, der mit 13 einen komplizierten Schlaganfall und mehrere OPs hatte, ein besonderes Fahrrad mit drei Rädern zu bauen, auf dem er sich trotz seiner motorischen Schwierigkeiten irgendwie fortbewegen kann. Auf der letzten Sommerfreizeit konnte er sogar ein bisschen mitsurfen. Ich weiß nicht, wer von beiden sich mehr drüber gefreut hat, der Junge oder Kuttler.

Die Sache mit Nähe und Distanz

An besonders zermürbenden Tagen klammert Kuttler sich an solche Erlebnisse, deren Halt und die überlebenswichtige Hoffnung, die im Alltag oft fehlt. „Man darf das nicht zu nah an sich ranlassen“, sagt er. Das ist einer dieser Sätze, der sich unendlich schnell runtersagt, aber man merkt ihm an, dass die Balance zwischen Nähe und der Distanz zu halten auch bei ihm manchmal nicht klappt. Für die Kinder ist das ein großes Glück.

Steinreich — und vielleicht auch dauermüde — ist, wer sich trotzdem die Mühe macht, hinzusehen und bei all den Szenen und der scheinbar konsequenten Abwesenheit von Happy Ends die Hoffnung nicht verliert.

Und auch ich fühle mich durch meinem Besuch steinreich. Zum Beispiel, als Pascal mein lahmes Versteck unter der Rutsche nach zwei Sekunden findet.


Die Arche

Bernd Siggelkow gründete das Kinderprojekt Die Arche — Christliches Kinder- und Jugendwerk e.V. im Jahr 1995. Seitdem steigt die Nachfrage stetig an. Heute betreut er ein Netzwerk aus 19 Standorten in Deutschland, Polen und der Schweiz, mit mehr als 4.000 Kindern, die primär aus benachteiligten Familien kommen. Praktisch bedeutet das Hausaufgaben- und Freizeitbetreuung nach der Schule, warme Mahlzeiten, eine geordnete Tagesstruktur, Feriencamps mit Freunden im Sommer und — auf keinen Fall zu vergessen — eine Menge offene Ohren von Pädagogen, Sozialarbeitern und freiwilligen Helfern. Das Projekt wird nahezu ausschließlich durch Spenden finanziert.


Caroline Schmitt (23) lebt als freie Journalistin in Berlin und arbeitet vorrangig an Multimedia-Reportagen bei der Deutschen Welle. Auch schön findet sie Reisegeschichten bei denen nicht immer alles ganz glatt läuft. Deshalb hat es ihr in der Arche auch so gut gefallen.

Bonustrack

Dieser Artikel ist einer von vier Bonustracks zur gedruckten SHIFT-Ausgabe Vol. 2.


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