„Wohlstand ist kein Selbstzweck“


Nicht mehr zu retten? Egoismus verdrängt den Geist der Gemeinschaft. Setzt er sich durch, bricht die Gesellschaft auseinander, mahnt Pfarrer Olaf Lewerenz.


Herr Lewerenz, muss ich als Christ arm sein, um zu glauben?

Nein, sicher nicht. Jeder muss für sich ein angemessenes Verhältnis finden. Ob jemand reich oder arm ist, ist nicht der Punkt. Die Wertigkeit spielt die entscheidende Rolle. Es geht um die Frage: Was mache ich, wo setze ich mich ein?

Wie finde ich Wohlstand im Glauben?

Wenn ich das Gefühl habe, ich kann grunddankbar sein für mein Leben im Hier und Jetzt, dann kann ich nach außen gehen und diesen Dank weitergeben. Das ist für mich Wohlstand im Glauben. Es geht nicht um ein Konto, wo ich sage, ich habe eine Predigt gehört und dreimal gebetet. Sondern es ist eher ein Gefühl von Zufriedenheit oder Sicherheit, das mich leben lässt.

„Ob jemand reich oder arm ist, ist nicht der Punkt.“

Ihre Kirche ist nur etwa 190 Meter von der Deutschen Börse entfernt. Haben Sie als Pfarrer in der Bankenmetropole Frankfurt einen leichten Job?

Olaf Lewerenz (51) ist seit dem 31. Mai 2015 evangelischer Pfarrer der Sankt Katharinenkirche in Frankfurt am Main.

Ich stamme aus Lübeck. Sobald ich mich dort der Stadt nähere, sehe ich sieben Kirchtürme. Wenn ich mich Frankfurt nähere, sehe ich Hochhäuser. Das ist natürlich etwas anderes, aber ich empfinde es eher als Herausforderung. Die Kirche ist nicht mehr eine selbstverständliche Meinungsführerin, auch zahlenmäßig nicht. Ich glaube aber, die Gesellschaft ist mittlerweile offener für ihre Botschaft, als sie es noch vor zwanzig Jahren war. Allerdings nur, wenn wir uns nicht hinter Floskeln verstecken. Das brauchen die Leute nicht mehr.

Wie gehen Sie mit der Nähe zu den Banken um?

Bei meinem ersten Gottesdienst hier habe ich die Tochter eines Direktors von Credit Suisse getauft. Das heißt: Auch die Banker gehören dazu. Vielleicht ist das die Schizophrenie — Kirche und Geld. Auf der einen Seite sind wir in Deutschland eine sehr wohlhabende Kirche, ob reich, darüber könnten wir streiten. Auf der anderen Seite gibt es häufig so eine anklagende Position. Das merkt man auch an Ihren Fragen. Sie denken, Kirche muss kritisch sein. Jesus war da glaube ich viel lockerer. Im Lukasevangelium wird zum Beispiel erwähnt, dass wohlhabende Frauen ihn unterstützt haben. Damit hatte er kein Problem, auch er lebte von dem, was die Leute ihm gaben. Von daher finde ich das erstmal völlig ok. Wohlstand ist ein Privileg. Geld macht uns frei zu handeln.

Jesus stand dem Thema Reichtum also nicht kritisch gegenüber?

Auch da gibt es zwei Ebenen. Die eine sehen wir in der Bergpredigt: Sammelt euch Schätze im Himmel, wo sie nicht rosten können. Oder Martin Luther, der zum ersten Gebot sagt: Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott. Das ist die reichtumkritische Seite. Da geht es für mich aber nicht um Reichtum oder Wohlstand generell, sondern darum, welche Bedeutung er hat. Haste ich dem Geld nach und vermehre es à la Dagobert Duck? Oder habe ich Reichtum, um ihn einzusetzen?

Was bedeutet das für die heutige Konsumgesellschaft?

Ich war gestern hier auf der Zeil und sah da eine nette Hose. Die hätte ich mir kaufen können. Aber dann habe ich geguckt und gesehen, dass sie aus Bangladesch kommt. Ich habe sie nicht genommen. Wenn ich mir eine Hose oder ein T-Shirt kaufe, dann will ich, dass sie unter ordentlichen Standards hergestellt wurden — sowohl ökologisch als auch in Bezug auf die Arbeitsrichtlinien. Ich kann mit meinem Wohlstand so umgehen, dass ich die besseren Produkte kaufe. Ich muss nicht noch das Schnäppchen machen. Wohlstand ist kein Selbstzweck. Die kritischen Fragen sind für mich: Was mache ich damit? Wo bringe ich etwas ein?

Konsum an sich ist für Sie also nichts Schlechtes?

Die Frage ist, was die entscheidende Rolle in meinem Leben spielt. Bei uns ist dies zunehmend der Konsum. Da läuft etwas falsch. Dass ich aber konsumiere und die Chance dazu habe, ist erstmal wertneutral und in Ordnung. So, wie ich es eben auch annehmen kann, wenn mir jemand eine größere Summe Geld spendet. Das ist wunderbar. Das Geld kann ich dann für die Obdachlosenarbeit nutzen, die wir in der Kirchengemeinde haben.

Geld und Reichtum spielen in Frankfurt eine große Rolle. Sind die Banker bei der Kollekte großzügig?

Großzügigkeit ist immer relativ. Ich war vorher in der ärmsten Gemeinde Frankfurts. Es kommt immer darauf an, wofür die Kollekte bestimmt ist. Für Kirchenasyl und die Flüchtlingsthematik haben auch die, die nicht viel haben, viel gegeben. Je allgemeiner der Anlass bei einem Spendenaufruf ist, umso mehr überlege auch ich, was ich gebe. Ich persönlich spende tatsächlich lieber an eine Organisation, zum Beispiel bei Katastrophen oder hier an die Diakoniekirche für die Obdachlosenarbeit. Da weiß ich, das Geld ist gut angelegt und ich kann es auch noch von der Steuer absetzen. Das ist erlaubt und da finde ich es legitim.

Wie viel Protz ist heute in der Kirche möglich?

Ich bin ab und zu in Brasilien. Da gibt es viele mehr oder weniger merkwürdige Gruppierungen, die sich alle evangelisch nennen. Die Leute gehen dahin, weil ihnen Wohlstand versprochen wird. Nach dem Motto: Wenn du bei mir glaubst, dann wirst du Geld machen. Sichtbar wird der Wohlstand daran, dass der Leiter der Gemeinde schon drei Rolls-Royce hat. Wenn das nach einem Jahr nicht geklappt hat, wechseln die Menschen zu jemand anderem, der dasselbe verspricht. Das im Namen von Jesus zu machen, ist absurd. Da wird Jesus missbraucht, um Wohlstand für Wenige zu schaffen.

„Es muss nicht immer IKEA sein.“

Wie sieht es mit Protz in deutschen Kirchen aus?

Barrockkirchen sind nicht meins, das ist mir zu viel. Ich finde schlicht angemessener. Gleichzeitig: Es muss nicht immer Ikea sein. Kirche und Ikea passen nicht zusammen. Wir haben hier im Eingangsbereich einen Tisch, der fällt schon auseinander. Wahrscheinlich werden wir uns von einem Tischler etwas bauen lassen, weil es nichts von der Stange gibt, was passt. Das finde ich in Ordnung. Es ist dann zwar ein bisschen teurer, aber hält dafür auch die nächsten 50 Jahre. In dem Fall gibt es sogar eine Beschäftigungsgesellschaft von der Kirche, die Jugendliche mit Schwierigkeiten ausbildet. Da kann jemand seine Schreinerlehre machen. Da finde ich es okay, dass es etwas Ordentliches ist. Ordentlich heißt nicht protzig.

„Alles für mich. Wenn sich das durchsetzt, ist das für die Gesellschaft verheerend“

Also bleibt die Frage: Wohlstand wofür?

Da sind wir gesamtgesellschaftlich auf einem schwierigen Weg. Ich habe lange Zeit an einer Schule unterrichtet, an der eher das wohlhabende Klientel ist. Da merkte man schon einen Unterschied zwischen altwohlhabend oder neuwohlhabend. Bei altwohlhabend gehörte dazu, dass ich auch in irgendeiner Weise als Mäzen oder etwas Ähnliches tätig werde. Neureich, da ist die Einstellung eher: Alles für mich. Wenn sich das durchsetzt, ist das für die Gesellschaft verheerend, dann bricht sie auseinander. Das passt für mich auch nicht mehr zu dem, was ich als christlichen Glauben verstehe. Da gehört dazu, dass ich den Nächsten in den Blick nehme, ohne verheimlichen zu müssen, dass ich vielleicht besser da stehe.

tl;dr

Glaube, Liebe, Hoffnung gelten als die hohen Güter des christlichen Glaubens. Von Wohlstand und Protz ist keine Rede. Auf Geld und Reichtum verzichtet die Kirche dennoch nicht.

Martin Krauß (25) ist freier Journalist und Online-Redakteur aus Messel. Glauben, Gemeinschaft und Gott gehören für den Protestanten zum Leben dazu. Aber auch Zweifel sind erlaubt, zum Beispiel am Protz der Kirche. Martin bloggt häufiger zu diesen Themen.

Bonustrack

Dieser Artikel ist einer von vier Bonustracks zur gedruckten SHIFT-Ausgabe Vol. 2.


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